Pøíloha

k tìsnopisecké zprávì o 20. schùzi senátu Národního shromáždìní republiky Èeskoslovenské v Praze v úterý dne 23. listopadu 1920.

1. Øeè sen. dr Naegle (viz str. 216. protokolu):

Hohes Haus! Noch weniger als bisher kann irgend einer von uns Volksvertretern, der im Laufe der gegenwärtig auf der Tagesordnung stehenden Debatte das Wort ergreifen wird, dies in gehobener Stimmung tun. Gilt es doch, über höchst bedauerliche Ereignisse zu Gericht zu sitzen, über Ereignisse, die vom rein menschlichen Standpunkte aus einen jeden von uns bis ins innerste Mark, angesichts des geflossenen Menschenblutes erschütterten, die aber doch speziell die, deutschen Bürger dieses Staates in die äußerste Erregung und Erbitterung versetzen mußten, denn gerade die letzten Vorkommnisse Haben es in drastischer Weise wieder klipp und klar gezeigt, wie èechischerseits sowohl die kalt überlegende, wie die heiß kochende Volksseele wenigstens in dem einen Punkte einig sind, uns Deutsche als rechtlose Heloten zu betrachten und zu behandeln. Ja, wir Deutsche sind in diesem Staate vogelfrei. (Souhlas na levici.) Das haben die letzter: Ereignisse gezeigt. Speziell diese für den gesamten èechoslovakischen Staat unheilvolle Tendenz, an der die in ihrem vermeintlichen Siegerwahn trunken gewordene èechische Volksseele krankt, hat auch die letzten bedauernswerten Vorkommnisse gezeitigt und das ganze Staatswesen und eine Regierungskrise gestürzt, ja bedroht es auch noch mit einer Staatskrise, wenn eine solche nicht überhaupt schon vor der Türe steht.

Der Bibelkundige mißt gerne die Realitäten der Gegenwart, auch die jetzigen und vergangenen Staatengebilde, und dies mit Recht, an den ewigen, beherzigenswerten Wahrheiten, wie sie in jenem denkwürdigen Buche niedergelegt sind, zum Teil im Gewande einer einzig schönen, blumenreichen Sprache. In dieser bekannten bilderreichen Sprache erzählt der Verfasser des Buches Daniel, wie der Prophet im Traumgesicht ein Reich gesehen habe. Dieses Reich glich einer großen Bildsäule mit einem Kopf aus reinstem Golde, die Füße aber waren von Ton. Da löste sich plötzlich vom Berge ein kleiner Stein, weicher die Bildsäule traf auf ihre tönernen Füße und sie mit Leichtigkeit zerschmetterte. Und die Bildsäule - gemeint ist das betreffende Reich sank in sich selbst zusammen trotz des goldenen Kopfes, weil die Unterlage bloß von Ton war.

Meine Herren! Ich weiß zwar nicht, ob das Reich, der Staat, dem wir anzugehören die Ehre haben, in seiner jetzigen Regierung und in dem derzeitigen Ministerpräsidenten einen Kopf aus reinstem Golde hat, aber das ist für mich sicher, daß dieser Staat auf keinem festem Fundament gebaut ist, sondern auf Sand, daß seine Füße wie die der Bildsäule des Propheten Daniel bloß von Ton sind.

Ewig wahr bleibt der alte Satz, den jeder Staatslenker sich täglich zu Gemüte führen sollte: Justitia est fundamentum regnorum. Dies gilt nicht bloß für Kaiser- und Königreiche, das gilt geradeso gut für eine Republik.

Wie wenig nun die Gerechtigkeit das Fundament des èechoslovakischen Staates ist, das beweisen die zahllosen Bedrückungen, denen die Deutschen, überhaupt die Minoritäten in diesem Staate ausgesetzt sind. Oder wagt jemand von Ihnen mit seiner ganzen inneren Ehrlichkeit - ich muß an Ihre Ehrlichkeit appellieren - zu behaupten, es sei ein Ausfluß der Justitia, der Weltgerechtigkeit, gewesen, das Selbstbestimmungsrecht als das neue Weltevangelium hinzustellen, es für sich selbst in vollstem Maße zu beanspruchen, es aber uns Deutschen prinzipiell zu verweigern? Und nachdem die unglückseligen Friedensverträge von Versailles und St. Germain deutsche Gebiete gegen deren Willen in diesen Staat hineingezwungen hatten, waren es dann die Grundsätze einer weisen, ausgleichenden Gerechtigkeit, nach denen die deutschen Bürger seitdem behandelt wurden? Zahllos sind die Entrechtungen und Gewalttätigkeiten, die Ungerechtigkeiten, denen die Deutschen hierzulande seit dem 28. Oktober 1918 ausgesetzt sind. Die Hunderte von Anträgen und Interpellationen, die von uns deutschen Senatoren und Abgeordneten in beiden Häusern der Nationalitätenversammlung gestellt wurden, behandeln alle dasselbe Grundthema, sie sind gleichsam ein einziger Notschrei über die rechtlose Lage des deutschen Volkes in diesem Staate.

Aber noch nie war die Rechtlosigkeit des deutschen Namens, die ungeheuerliche und gewalttätige Unterdrückung alles dessen, was gleichsam nur nach Deutschtum riecht und darnach aussieht, krasser und für das èechische Volk beschämender in Erscheinung getreten als in den bedauerlichen Vorkommnissen der letzten Wochen und Tage. Und solche Geschehnisse, die den Stempel rohester Gewalttätigkeit und nicht mehr zu überbietender Ungerechtigkeit an der Stirn tragen und diesen Staat vor der Besamten gesitteten Welt unheilbar kompromittiert haben, waren möglich vor den Augen einer Regierung, die in der ersten Erklärung vor dem Parlamente urbi et orbi als ihr Programm verkündete: »Als Regierung des Gesetzes und der Rechtsordnung haben wir für das Verhältnis des Staates zu dem Einzelnen keinen anderen Maßstab als das Gesetz und die Rechtsordnung. Dieser Maßstab gilt auch für das Verhältnis der Regierung zu den Nationalitäten unseres Staates. Gleiche gesetzliche fechte, aber auch gleiche gesetzliche Pflichten.«.

Es sind dies, meine Damen und Herren, ebenso schöne wie selbstverständliche programmatische Worte für jede Regierung, um so mehr selbstverständlich für eine unparlamentarische Beamtenregierung. Aber wieg wenig hat die Regierung dieses ihr Programm in praxi angesichts der schauerlichen Ereignisse der fetzten Woche und Tage durchzuführen verstanden? Um die gesamte Krise, in der wir stehen, richtig und gerecht zu würdigen, ist es notwendig genetisch-historisch vorzugehen. Ohne auf den ersten und eigentlichen Ausgangspunkt zurückgreifen zu wollen, der schon in der Gründung dieses Nationalitätenstaates, in der Einzwängung von fast vier Millionen Deutschen gegen deren Willen, in der Knebelung des Deutschtums durch ungezählte Gesetze und Verordnungen liegt, will ich mich damit begnügen, an den zunächst liegenden Ausgangspunkt zu erinnern.

Die Feier des Nationalfeiertages am 28. Oktober hatte zu Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten in verschiedenen deutschen Städten geführt, namentlich in Reichenberg und Teplitz seitens des dort lozierten Militärs. Die Militärbehörde hatte zur Kundgebungen des Militärs am 28. Oktober verboten. Aber was kümmert sich hierzulande das Militär um Befehl oder Verbot der ihm vorgesetzten Behörde? In Teplitz wurde die Beseitigung des Kaiser Josefdenkmales, eines Kunstwerkes ersten Ranges, unter Drohungen und Mißhandlungen des Bürgermeisters verlangt. Dieser erklärte, erst auf striktem Auftrag der politischen Behörde die Verfühlung des Denkmales vornehmen zu lassen, was auch geschah. Eine Anzahl deutscher Bürger, welche nicht gesonnen waren, diese jedem wahren Rechtsgefühl hohn sprechende Gewalttat ruhig hinzunehmen ließ sich herbei, die Verschalung wieder zu entfernen. Diese von der Regierung als eine Übertretung und Verhöhnung der obrigkeitlichen Verfügung aufgefaßte Maßnahme wäre nicht nötig, ja nicht möglich gewesen, wenn die politische Behörde, wenn die Regierung zuerst selbst Recht und Gesetz, wie es ihre erste Pflicht ist, beachtet hätte. Der Herr Ministerpräsident hat einer Deputation der bei ihm intervenierenden deutschen Abgeordneten gegenüber ausdrücklich erklärt, daß es für im keine gesetzliche Handhabe gebe, um die Verschalung oder Entfernung des Teplitzer Denkmales anordnen zu können. Wenn nun die Regierung zunächst die Verschalung trotzdem befahl und dies, wie ausdrücklich vom, ihr selbst zugestanden worden war, ohne jede gesetzliche Handhabe, so frage ich vor aller Welt jeden ruhig und objektiv Urteilenden: Wer hat Gesetz und Rechtsordnung zuerst und mehr verletzt: die die Verschalung gegen Gesetz und Recht anordnende politische Behörde oder die Teplitzer deutschen Bürger, welche die ungesetzlich vorgenommen Verschalung wieder entfernten? Diese Frage hätte sich auch die deutsche Sozialdemokratie, insbesondere Herr Kollege Dr. Heller vorlegen und beantworten sollen, bevor er gegen die deutschbürgerlichen Kreise der Stadt Teplitz und gegen die deutschen Abgeordneten sowohl hier in der Plenarsitzung wie in der Obmännerkonferenz seine Beschuldigung schleuderte, als ob die Deutschbürgerlichen an den Vorkommnissen die Hauptschuld trügen. Denn, um es noch einmal zu sagen: Der Ausgangspunkt für die unheilvollen Vorgänge der letzten Tage liegt in dem aufreizenden skandalösen Auftreten des Militärs in Reichenberg und Teplitz und in dem gesetzwidrigen, jedem Rechtsbewußtsein hohnsprechenden, das deutsche Volk entrechtenden, die deutsche Kultur entwürdigenden Auftrag der Regierung. Oder wenn der Herr Ministerpräsident wirklich der Mann des Gesetzes und der Rechtsordnung gewesen wäre, wie es seine Pflicht ist, warum ist er dann nicht gleich nach dem 28, Oktober zuerst gegen die gesetzwidrigen Ausschreitungen des Militärs in Reichenberg und in Teplitz aufgetreten, warum hat er sich erst dann als den starken Mann aufgespielt und die staatliche Ordnung und Autorität schützen zu müssen vorgegeben, als es galt, nicht die Übertretung eines Gesetzes, sondern bloß eines behördlichen Auftrages zu strafen? Allerdings, diesmal war es nicht das als sakrosankt erklärte Militär, diesmal waren es bloß einige simple deutsche Bürger, gegen die der Her Ministerpräsident mit seinem ganzen Machtbewußtsein die Autorität des Staates zu wahren den Mut fand. Denn wahrhaftig, das Ansehen der ganzen èechoslovakischen Republik wäre vor ganz Europa kompromittiert gewesen, der ganze Staat wäre plötzlich aus den Fugen gegangen, wenn die Entfernung der Verschalung des Denkmales nicht sofort aufs schärfste gerächt worden wäre!? Dazu genügte der erregten Regierung nicht etwa, die Wiederverschalung des Denkmales anzuordnen, nein, blutrünstig mußte das unschuldige Kulturdokument eines der größten Künstler Europas vollständig beseitigt erden. Und eine solche Schändung ihrer heiligsten Kulturwerke in Teplitz durch die Regierung selbst, in Eger und Asch hinterlistig, im Dunkel der Nacht, durch das Militär hätte sich die deutsche Bevölkerung ruhig gefallen lassen sollen? Und als gegen den nachträglichen ausdrücklichen Willen der endlich zur Einsicht gekommenen Regierung das Teplitzer Denkmal, das Meisterwerk eines der berühmtesten Söhne dieses Landes mit Gewalt durch fanatisierte, undisziplinierte Sappeure entfernt worden war, wo blieb da die èechische Intelligenz und Künstlerschaft, da es sich um ein Kulturdokument handelte, welches jedes anderen Landes Stolz wäre? Warum schwieg vor allem der Unterrichtsminister, der den schönen, viel versprechenden Titel »Minister für Volkskultur«, führt und der in erster Linie zu einem Einspruche verpflichtet gewesen wäre? Warum schwieg der verantwortliche Beschützer der Kunstdenkmäler, der sich sonst um jeden Schnörkel kümmert? Warum hat nicht auch der Dichter und Armeeinspektor Machar als Kulturmensch, der er sein will, seine ganze Persönlichkeit und Stellung eingesetzt, um diese grauenhafte Tat des uniformiertem Vandalismus zu verhüten? Auch in Brünn haben sich bedauerliche Vorgänge abgespielt, auch dort sind Demonstranten in das deutsche Haus eingedrungen und haben einen vorzeitigen Schluß der Theatervorstellung erzwungen, Wertgegenstände, Bilder, Bücher entwendet und vernichtet.

Ich und überhaupt der ganze parlamentarische Verband sind weit davon entfernt, alles gutzuheißen, was in Eger und Asch im Anschluß an die Wiedererrichtung des Denkmals geschehen ist, obwohl ich alles, was dort geschehen ist, begreife. Aber immer wieder muß die Kernfrage beantwortet werden. Wer hat den ersten Anlaß gegeben zu den bedauernswerten Ausschreitungen? War es nicht wieder wie in Teplitz so auch in Elter und Asch die provokatorische, aufreizende, das deutsche Kulturbewußtsein in seinen heiligsten Gefühlen verletzende Niederreißung unserer deutschen Kulturdenkmäler? Ich glaube, so viele Logik hätte die Regierung schon längst aufbringen können. Wenn in unseren deutschen Städte unsere deutschen Kulturmonumente eine Provokation für die èechischen Soldaten sind, dann kann die logische Schlußfolgerung bloß lauten. Nicht die Kulturgüter und Heiligtümer der dortigen deutschen Bevölkerung, - sondern die èechischen Soldaten müssen entfernt werden. Ich richte deshalb an die Regierung das dringendste Ersuchen. Soll in den deutschen Städten wieder dauernd Ruhe und Ordnung eintreten, dann ist die èechische Garnison zurückzuziehen, und falls überhaupt militärische Besatzung dort notwendig ist, durch deutsche Soldaten zu ersetzen.

Für jeden, der die Prager Verhältnisse und die berüchtigte kochende Prager Volksseele kennt, die, nebenbei besagt, es fertig gebracht hat, daß Prag, eine der schönsten, sehenswertesten und interessantesten Städte der Welt, so gut wie jeglichen Fremdenverkehrs entbehrt und unter dem glorreichen Regime eines Bürgermeisters Dr. Baxa damit ungezählter Millionen Kronen alljährlich verlustig geht für jeden von uns war es von vornherein klar, daß die Egerer Vorfälle sofort in Prag ihr Echo finden werden. Denn das oberste Dogma in diesem Staate lautet gewissermassen: Der Èeche, insbesondere das Militär, ist sakrosankt, der Deutsche ist vogelfrei!

Aber trotzdem, angesichts der schauerlichen Ausschreitungen, Verwüstungen, »Demonstrationen«, wie sie der Herr Ministerpräsident allzu optimistisch und ausschließlich genannt hat, welche in den letzten Tagen sich hier in Prag abspielten und unsere Stadt vor der gesamten Kulturwelt wieder einmal unsagbar kompromittierten, muß man sich fragen. Was haben denn speziell wir deutsche Kinder des Prager slavischen Mütterchens, die wir ohnedies schon längst geschlagen, verprügelt, rechtlos genug sind, verbrochen, daß man uns in solch barbarischer, zum Teil bestialischer Weise behandelt? Es gibt wahrhaftig in der ganzen Welt keine ruhigere und geduldigere Minorität als wir Deutsche hier in Prag, und ich wüßte nicht, daß wir in den letzten Wochen irgendwie die öffentliche Ruhe gestört hätten. Dagegen darf nochmals festgestellt werden, daß draußen in den deutschen Städten die ständigen Angriffe und schließlich die Beseitigungen der deutschen Kulturdenkmäler die dortige deutsche Bevölkerung unmittelbar und direkt gereizt und erregt haben. Es ist also ein himmelweiter Unterschied zwischen der unmittelbaren Veranlassung zu den Ausschreitungen in Teplitz, Elter und Asch und der in Prag. Hier in Prag lag auch nicht die geringste Veranlassung dazu vor. Die Prager Deutschen sind es aber endlich satt, immer und immer wieder die Prügelknaben für wirkliche oder erdichtete Vorkommnisse in der Provinz abgeben zu sollen.

Denn welcher verwerflichen Mittel, welcher Übertreibungen und Lügen hat man sich hier in Prag bedient, um die ohnedies leicht erregbare Maße noch mehr zu reizen und zu rohen Gehalttaten anzufeuern! Ich erinnere daran, daß am alten deutschen Theater vermittels großer Plakate für die zu Krüppeln geschlagenen èechischen Kinder gesammelt wurde und daß die so geschäftstüchtige Gesellschaft »Sanssouci« sogar im deutschen Studentenheim für die angeblich demolierte èechische Schule in Elter eine Vorstellung veranstaltete. Wenige Tage darauf war in den èechischen Blättern folgende amtliche Notiz zu lesen: »In der Stadt sammeln unbekannte Personen Geldspenden für die zu Krüppeln geschlagenen Kinder in Elter, obzwar nicht gekannt ist, daß dort irgend ein Schulkind in den letzten Tapsen zum Krüppel geschlagen worden wäre. Bei der Behörde wurde wegen der Sammlungen nicht angesucht und diese wurden auch nicht bewilligt. Die Bevölkerung wird vor diesen Sammlern gewarnt, die zu ihren eigenen Gunsten die Gelder sammeln.« So der amtliche Bericht letzt, nachdem das Unheil angerichtet worden ist, nachdem diese verruchten Lügen, wie viele andere, ihre verhetzende Wirkung getan, kommt die wohllöbliche Polizei hinterdrein und verbietet den Schwindel. Warum hat die Polizeibehörde es nicht ähnlich gemacht wie eine hiesige Dame, die während der Aufruhrtage sich an einen vor dem deutschen Landestheater postierten Soldaten wandte und ihn fragt. Wo sind denn die verkrüppelten Kinder von Elter eigentlich zu sehen? Ich möchte etwas für sie tun! Der Soldaten lachte und erwiderte: Das ist ja alles nicht wahr! Oder noch einfacher hätte die hiesige Polizeibehörde telefonisch in Elter direkt anfragen können, ob denn wirklich von den fünf èechischen Schulkindern, die es dort geben soll, eines zum Krüppel geschlagen worden ist. Aber statt dessen hat man den ungeheuerlichen und lügnerischen Unfug bewußt oder unbewußt geduldet und so behördlicherseits indirekt zur Rufreizung und Verhetzung und damit zur Verschärfung des. Aufruhrs beigetragen.

Ich verlange, daß der Herr Ministerpräsident auch in diesem hohen Hause den wahren Sachverhalt feststelle. Vorhin ist er vorsichtig um diese Klippe herumgegangen, denn es ist mir gesagt worden, daß er Tiber diese Krüppelkinder sich mit keinem Worte geäußert hat. Wie wenig von einer Demolierung der èechischen Schule in Elter überhaupt die Rede sein kann, welche Lüge in Prag soviel Unheil angerichtet hat, geht am besten daraus hervor, daß der Unterricht gestern, Montag den 22., wieder aufgenommen wurde, was in einem demolierten Gebäude in so kurzer Frist nicht hätte der Fall sein können.

Wie sehr der in der letzten Woche über Prags Straßen und Plätze ziehende Aufruhr getobt und gehaust, welch schwere Schäden er deutschem Privat- und öffentlichem Eigentum zugefügt hat, ist uns alle ja nur all zu gut bekannt, so daß ich nicht auf sämtliche Einzelheiten einzugehen brauche. Doch kann ich es mir nicht verragen, einige Momente besonders hervorzuheben.

In der èechischen Presse wird, namentlich seitens der amtlichen Beschwichtigungsstelle, so auch in der Erklärung des Ministerpräsidenten vom 16. November geltend gemacht, - was er heute, gesagt hat, habe ich nicht verstanden, - daß ausschließlich »unverantwortliche Elemente« die Schuld an dem Aufruhr und an den Ausschreitungen tragen, »Unverantwortliche Elemente«? Da ist denn doch die Frage erlaubt: Gehören denn die beiden Senatoren, die Dienstag Nachmittag durch ihre aufreizenden Reden auf dem Wenzelsplatz den Auftakt zur Volkserhetzung und rum kommenden Aufruhr gaben, auch zu Alen unverantwortlichen Elementen? Ich habe immer geglaubt, daß freigewählte Abgeordnete und Senatoren doch auch eine gewisse Verantwortlichkeit dem Volke gegenüber haben! Oder ist es etwas anderes als eine förmliche Hetzrede, wenn der Senator Sokol auf dem Wenzelsplatz die Souveränität des èechischen Volkes anruft, die nicht dulden könne, daß das èechische Volk in Elter provoziert werde? (Hört! Hört!) Oder ist es auch bloß der Erguß einer ganz unverantwortlichen Stelle, wenn die »Národni Listy«, die doch das maßgebende Sprachrohr einer bestimmten einflußreichen Partei sind, die barbarischen Ausschreitungen und den wüsten Aufruhr wenigstens des ersten Tages ausdrücklich für berechtigt erklärt haben? Denn es heißt dort wörtlich: »Drei Tage hindurch sind die Prager Straßen der Schauplatz von Kundgebungen, von denen nur der erste Tag einen Sinn hatte für die entrüstete èechische Seele. Die Dienstagkundgebungen haben ihr Ziel erreicht.« Den Vogel abgeschossen hat allerdings der Aufruf des »unverantwortlichen« Prager Stadtrates, der sich den Anschein zu geben suchte, als beabsichtige er zu beruhigen, im ersten Teil aber nichts Anderes enthält als eine förmliche Billigung und Belobung der begangenen himmelschreienden Verbrechen, ja, die Stirne hat, solche den Ruf der Stadt Prag in der ganzen Welt schädigenden Ausschreitungen der èechischen Straße auf »die Begeisterung des èechischen Volkes« zurückzuführen. Die beste Würdigung dieses Aufrufs des Prager Bürgermeisters gibt die von der Regierung unterstützte und für die Ausländer bestimmte »Gazette de Prague«, welche den ersten Teil des Aufrufs nicht einmal zu veröffentlichen wagte. Dieser Aufruf, meine Herren, sollte jedoch in allen Kulturländern verbreitet und mit zweckentsprechenden Illustrationen über die Verwüstungen im deutsche Studentenheim, in der Mensa academica, der Synagoge und im alten jüdischen Rathaus ausgestattet werden, damit die Kulturwelt einen kleinen Begriff davon bekomme, wie sich der Stadtrat von Prag die von ihm belobte Begeisterung des èechischen Volkes in ihren realen und kulturellen Auswirkungen vorstellt. Es ist dies diese belobte Begeisterung, welche im 15. Jahrhundert zur Zeit der Husitenkriege die èechischen Massen sendend und brennend durch das Land ziehen ließ, um umgezählte unersetzliche Kulturhüter und Kulturschätze zu vernichten. Ich bin fest davon überzeugt, wenn der Stadtrat einer deutschen Stadt sich einen solchen Aufruf Geleistet hätte, der zahllose mit dem Strafrecht in Widerspruch stehende, von dem Ministerpräsidenten im Namen der Regierung wiederholt beklagte und verurteilte Untaten lobt und billigst, so hätte sich sofort ein Staatsanwalt befunden, welcher den betreffenden Bürgermeister zur Verantwortung gezogen hätte. Aber allerdings ein Dr. Baxa ist kein Dr. Inderka. Prag ist nicht Flau! Und trotzdem haben wir eine Regierung, welche sich mit besonderer Emphase als »eine Regierung des Gesetzes und der Rechtsordnung« vorstellt. Um schließlich auch darüber einige Worte zu verlieren. Was waren das für edle Heldenstaten, die der Bürgermeister Dr. Baxa auf die Begeisterung des èechischen Volkes zurückführt? Wie bereits erwähnt, den Auftakt zu den kommenden Untaten bildete am Dienstag den 1.6. November nachmittags um 1 Uhr eine Versammlung auf dem Wenzelsplatze, in welcher auch 2 Senatoren Hetzreden hielten. Da erschallen aus der Menge Rufe Rache für Eier zu nehmen und alle deutschen Gebäude für èechische Zwecke zu beschlagnahmen! Die Menge, die von Mimte zu Mimte anschwoll, zog nun zunächst z»m deutschen Landestheater. Eine Anzahl Fenster wurde eingeschlagen und mit Gewalt in das Gebäude eingedrungen. Vom Balkon aus verkündeten militärische und zivile Demonstranten, daß das Landestheater für das èechische Volk, für èechische Theaterzwecke beschlagnahmt sei. Die zur Probe auf der Bühne versammelten deutschen Schauspieler und Beamten mußten der Gewalt weichen und das Haus verlassen. Èechische Schauspieler waren bereits zur Stelle, um die Zugänge zu bewachen. Für den Abend wurde sofort ein alles Recht eine èechische Vorstellung angesagt. Aber die rechtliche Seite der Fraße werde ich nachher noch reden.

Hierauf zog die Menge unter Anführung von Soldaten und èechischen Studenten gegen ½3 Uhr nachmittags vor das deutsche Baus. Ungefähr eine Stunde lang belaberten die Demonstranten das Gebäude und hämmerten mit Äxten und Eisenstangen an das schwere Tor von Eichenholz, in das sie ein ungefähr 3 dm langes Loch schlugen. Weil der Hausmeister Lohr das Tor nicht öffnen wollte, wurde er mit Totschlag bedroht. Da die Demonstranten ihr erhebliches Bemühen, hier einzudringen einsahen, stürmte ein Teil durch das Hotel »Schwarzes Roß«, überkletterte die Mauer des Kasinogartens und dran in das Gebäude ein. Die Polizei, welche sich beim Urofen Eingangstor befand, wurde beschimpft und zur Seite geschoben. Hierauf wurde unter großem Jubel da Tor für die Menge geöffnet, welche nun rasch die Räumlichkeiten des Hauses überflutete und vielen Schaden und große Verwüstungen anrichtete. Das deutsche Haus sollte als èechisches Studentenheim beschlagnahmt werden. Vom deutschen Haus ging es zum »Prager Tagblatt«. dessen Gebäude im Nu erstürmt war. Sowohl in den Räumen der Redaktion und der Administration düs »Prager Tagblattes«, wie in denen der »Bohemia« würde so behaust und gewüstet, daß beide Blätter bekanntermaßen einige Tabe nicht erschienen konnten. Die für Dienstags abends fertil Gedruckte »Abendzeitung« wurde in allen Exemplaren zerrissen. Ferner wurden Gestürmt und zum Teile geplündert die deutsche Turnhalle in der Mariengasse, glas Deutsche Handwerkervereinshaus in der Smeèkagasse, fast sämtliche deutsche Volks-, Bürger- und Mittelschulen, die Evangelische Schale in der Gerbergasse. Besonders arg hat die deutsche Handelsakademie Gelitten. Reim Betreten des dortigen Hofes sieht man einen Ganzen Berta von zerrissenen Papieren und Büchern. Im Direktorat wurde das lebensgroße Ölbild des Gründers der Anstatt mit 3 Hieben verletzt, obwohl er kein Habsburger war, alle Stampiglien wurden zerschnitten und unbrauchbar gemacht. Harmlose, pädagogischen Erziehungszwecken dienende Wandtafeln sind zerrissen, alle deutschen Aufschriften sind vernichtet oder verschmiert worden. Im Klub der deutschen Künstlerinnen auf dem Bernstein wurde die ganze Inneneinrichtung demoliert, das Küchengeschirr zerschlagen, so daß der Verein, der 700 bis 800 Personen billig verköstigten die Verabreichung der. Verpflegung einstellen mußte. Ungeheueren Schaden erlitt das jüdische Rathaus in der Meiselasse. Die Menge drang durchs Tor sowie durchs Fenster in die Räumlichkeiten ein warf Matriken, alte Papiere und uralte Dokumente, deren Wert unersetzbar ist, auf die Straße, wo sie in kleine Stücke zerrissen wurden. Fünfzig Meter weit vom Rathaus laden die Papierstückchen auf dem Boden in Dezimeterhöhe. Einige äußerst wertvolle alte Bilder wurden mit Messern und Stöcken durchstochen. Furchtbar behaust wurde auch in der »Mensa academica« in der Krakauerasse und im Deutschen Studentenheim in der Mariengasse. Namentlich die in beiden Gebäuden sowie im Deutschen Handwerkerheim und in der Studentenküche Dichtl in der Fischmarktgasse befindlichen Buden der deutschen Studentenkorporation wurden vollständig demoliert. Das den armen deutschen Studenten gehörende Eigentum wurde teils vernichtet und auf die Straße beworfen, teils fortgeschleppt. Mehrere in der Mensa academica sich aufhaltende deutsche Studenten wurden geschlagen und schwer verletzt. Überhaupt wurden im Laufe des Aufruhrs zahlreiche Personen von der Menge auf der Straße verprügelt, einige blutig geschlagen. Wiederholt wurde der Ruf laut, Deutsche und. Juden an den nächsten Kandelaber aufzuknüpfen oder niederzumachen. Ein deutscher Student, namens Anton Pleschke, wurde vor dem Deutschen Haus zu Boden geschlagen und bis zur Piaristenschule in der Herrenasse geschleift. Es wurde der Ruf laut, den Unglücklichen am nächsten Kandelaber aufzuhängen. Soldaten schritten jedoch rechtzeitig ein und befreiten den Bewußtlosen.

Ich selbst wurde Dienstag abends, als ich Einlaß in das Studentenheim beehrte, obwohl ich mich als Prorektor der deutschen Universität und als Senator legitimierte, von dem dort postierten Militär tätlich angriffen und zurückgestoßen. Ich habe dem Herrn Minister für Landesverteidigung von diesem Vorfall Mitteilung gemacht, aber er hat es nicht für nötig erachtet, sein Bedauern darüber auszusprechen, was ich hier nicht unerwähnt lassen kann. Ein Zivilist, den ich für einen èechischen Studenten hielt, packte mich am Rock und zerrte mich zurück. Selbstverständlich blieben auch die Hauptgebäude der beiden Hochschulen nicht verschont. Die Menge drang ins Karolinum wie in die Technische Hochschute in der Husgasse eint, zertrümmerte alle Anschlagstafeln und Kästen samt deren Inhalt, vernichtete die deutschen Aufschriften und durchsuchte alle Räume. Auch die in den Gebäuden neben dem Karolinum untergebrachten wissenschaftlichen Seminare der deutschen Universität das historische das kunsthistorische und das pädagogische erlitten Schaden. Selbst in Privatwohnungen drang die Menge ein, so vor allem in das Haus des Advokaten Dr. Wien-Claudi, der mit seiner Familie bedroht wurde. Daß man es sonor wate entgegen den ausdrücklichen Vorschriften der Verfassung, die Beratungen der gesetzgebender Körperschaft des Abgeordnetenhauses, au stören, die Auslieferung von deutschen Abgeordneten zur Aburteilung zu verlangen und zu diesem Zweck bis zum Konferenzzimmer des Präsidiums vorzudringen ist Ihnen allen bekannt. Höher konnte sich die Anarchie und Ale maßlose Disziplinlosigkeit der auftreten Masse nicht mehr versteigen, als zu diesem gewaltsamen Eindringen in die Beratungen der gesetzgebenden Versammlung. Von da bis vollständigen Austreibung des gesetzgebenden Hauses ist wahrhaftig kein großer Schritt mehr. Und da wart es der Herr Ministerpräsident bloß von »Demonstrationen« zu sprechen!

Wenn wir nun die geschilderten Ausschreitungen Land Untaten die ich selbstverständlich blos andeutungsweise vorführen konnte, auf uns wirken lassen und uns dabei vergegenwärtigen, was der Herr Ministerpräsident vor wenigen Wochen in diesem Hohen Hause verkündete, klingt es da nicht wie ein Hohn, daß dies allesdrehen konnte unter den Auen einer Regierung, die sich mit besonderer Emphase »eine Regierung des Gesetzes und der Rechtsordnung« nennt? Klingt es angesichts der hiesigen anarchistischen Vorkommnisse nicht wie eine Parodie, wenn der Herr Ministerpräsident am 16. November hier erklärte, die Regierung werde rücksichtslos gegen alle Ungesetzlichkeiten einschreiten, mögen sie von welcher Seite nur immer erfolgten. Die Regierung werde dafür sorgen, - »sorgen« hat er gesagt, - daß die öffentliche Sicherheit, Ruhe und Ordnung, nicht nur in Prag, sondern überall anderwärts aufrecht erhalten werde. Und wie hat die Regierung dieses ihr hier verpfändete Wort drei Tage lang wahr zu machen verstanden? Die Antwort hierauf ist bereits in meinen bisherigen Ausführungen gegeben. Wohl hat uns der Herr Ministerpräsident am 16. November versprochen und strikte zugesichert, dar alle beschlagnahmten, wie die Terminologie der Gasse lautet, deutschen Gebäude ihrem bisherigen Besitzern schleunigst wieder zurückgegeben werden würden. Das ist, so viel mir bekannt ist auch geschehen. Aber wir verlangen, daß auch sämtlicher zugefügte Schaden von Staatswegen vollständig ersetzt wird. Vor allem muß den armen Studenten ihr Eigentum wieder zurückgegeben oder vergütet werden.

Nur betreffs des alten deutschen Landestheaters hat der Ministerpräsident eine Ausnahme gemacht, da dessen Eigentumstand Benutzungsverhältnisse noch nicht geklärt seien und darüber Verhandlungen stattfänden. Aber gerade, wenn nach der Meinung des Herrn Ministerpräsidenten das Eigentums- und Benutzungsrecht am deutschen Landestheater nicht geklärt ist, was ich für meine Person nicht zugeben kann dann ist es nicht bloß für uns Deutsche nicht geklärt, sondern auch nicht geklärt für die èechische Seite, und dann haben auch die Èechen kein Recht, solange diese Unklarheit angeblich besteht. (Výkøik: Besteht ja Sirr nicht, der Herr Ministerpräsiden soll nur in die Landtafel sehen!) - solange sie für die Èechen besteht, für uns nicht, - in diesem Theater èechische Vorstellungen abzuhalten. Ich habe bereits in der Obmännerkonferenz wiederholt den Herrn Ministerpräsidenten auf das Widerspruchsvolle. Ungesetzliche und Unrechtmäßige, das in der Abhaltung und Duldung èechischer Vorstellungen liegt, aufmerksam gemacht. Und trotzdem wurde und wird bis zum heutigen Tage im deutschen Landestheater unter Duldung der Regierung und der Polizeibehörde èechisch gespielt. So hat der oberste Hüter des Gesetzes und der Rechtsordnung sein Wort vom 16. November wahr gemacht, daß er rücksichtslos gegen alle Ungesetzlichkeiten einschreiten werde, mögen sie von welcher Seite immer erfolgen. Nein, die Regierung, der Ministerpräsident ha t diese Ungesetzlichkeiten bezüglich des deutschen Theaters sogar unterstützt und unterstützt sie heute immer noch. Das muß er sich sogar von einem èechischen Blatt sagen lassen. Die »Tribuna« hat zur Beschlagnahme des deutschen Landestheaters Folgendes geschrieben: »Entscheidend ist, daß es gegen das Gesetz geschah, welches jeder schützen muß, der nicht balkanische Verhältnisse in unserem Staate schaffen will.« Ich konstatiere nebenbei, daß hier ein èechisches Blatt genau dasselbe sagt. Herr Ministerpräsident, um dessentwillen ein nervöser Regierungsvertreter die Versammlung der Völkerbundliga in Karlsbad aufgelöst hat. Die »Tribuna« fährt weiter fort: »Wir begreifen nicht, wie es möglich ist, daß die Behörden, daß das Land es erlaube, daß an die Beschlagnahme des Theaters geschritten wurde. Denn dies bedeutet die Bestätigung einer ungesetzlichen Tat. Wir bedauern, daß sich Schauspieler gefunden haben, welcher in dem beschlagnahmten Theater spielten. Solange Gesetz Gesetz ist und Parlament Parlament, kann es bei der Beschlagnahme des Theaters nicht bleiben«. So die »Tribuna«, ein auch sonst der Objektivität sich befleißigendes Blatt.

Was die Rechtsfrage bezüglich des Landestheaters angeht, so sei mir gestattet, auch hier jeder in aller Kürze genetischhistorisch vorzugehen.

Das jetzige deutsche Landestheater wurde gegründet 1783 von dem edlen Grafen Nostitz als Pflegestätte des »Deutschen Schauspieles«, wie es ausdrücklich in dem Aufrufe hieß. Diesen Charakter behielt es auch ausdrücklich bei, als es 1799 durch Kauf in den Besitz der Stände des Königreiches Böhmen überging. Die Aufführung èechischer Stücke in èechischer Sprache wurde nur bisweilen gestattet und zwar wie ausdrücklich dabei hervorgehoben wurde, nur in solchem Ausmaße, »daß dadurch der deutsche Schauspiel- und Opernbetrieb nicht beeinträchtigt würde«, darum meistens in Sonntag-Nachmittagvorstellungen. Im Sinne der Paragraphe 20 und 21 der Landesordnung vom 26, Feber 1861 wurde das bisher Ständische Theater vom Land übernommen unter der Bezeichnung »Landestheater«, wieder ohne daß an dem ausschließlich deutschen Charakter des Theaters etwas geändert worden wäre. Denn es wurde schon in der Sitzung des Landtages vom 21. April 1861 beantragt und in der Sitzung vom 21. Jänner 1862 beschlossen, »aus Landesmitteln ein neues Landestheater zur Aufführung dramatischer Vorstellungen in èechischer Sprache zu errichten und auszustatten«. Dies geschah noch im Laufe des Jahres 1862 in Form eines èechischen Interimstheaters und 1881 durch den Bau eines definitiven èechischen Theaters, bezw. nach dessen Vernichtung durch einen unglückseligen Brand 1883 im heutigen èechischen Nationaltheater. Es sind demnach von da an zwei Landesbühnen vorhanden, die neue bestimmungsgemäß für die Èechen und die alte ebenso bestimmungsgemäß für die Deutschen. Schon bevor der Bau des neuen èechischen Theaters vollendet war erachtete es die èechische Öffentlichkeit ebenso wie die Landesvertretung für wünschenswert, daß das Rechtsverhältnis dieses neuen èechischen Theaters als einer, vom Lande übernommenen Anstalt mit der Widmung, ausschließlich der èechischen Kunst zu dienen, auch für alle Zukunft durch grundbücherliche Eintragung festgelegt werde. Dies wurde in der Sitzung des Landtages vom 24. Juni 1880 beschlossen, zugleich aber von dem Berichterstatter der Budgetkommission der Antrag gestellt: »Der Landesausschuß wird aufgefordert, dafür zu sorgen, daß bei dem bestehenden ehemals landständischen, dermal deutschen Landestheater in gleicher Weise, wie dies beim neuen èechischen Landestheater bezüglich der èechischen Sprache bereits bestimmt worden, die besondere Widmung, wonach selbiges zu Vorstellungen in deutscher Sprache bestimmt sein soll, grundbücherlich sichergestellt werde. Denn die Gerechtigkeit und Gleichstellung in dieser Sache erforderte, daß der Landtag sich beiden Nationalitäten gegenüber in gleicher Weise wohlwollend verhalte.« Der Landtag trat diesem Antrage der Budgetkommission bei und tatsächlich wurde am 17. Mai 1882 in der die Bauparzelle 659, Theatergebäude enthaltenden Grundbuchseinlage Z. 480 der Katastralgemeinde Altstadt-Prag auf dem Eigentumsblatt B angemerkt, es sei dieses Theater »zu dem Zwecke gewidmet, daß in demselben dramatische Vorstellung in deutscher Sprache abgehalten werden. Zwei Jahre später am 17. November 1884, würde die entsprechende Widmung des èechischen Nationaltheaters in der Grundbuchseinlage Z. 223 der Katastralgemeinde Frag-Neustadt angemerkt. So objektiv und paritätisch gerecht ging der damalige Landtag vor.

Diese grundbücherliche Eintragung ist im jetzigen Augenblick, wonach das deutsche Landestheater von unbefugten Faktoren für èechische Zwecke beschlagnahmt worden ist, ungemein wichtig und für die juridische, rechtliche Beurteilung der Sache maßgebend. Denn seit dem durch die Verbücherungen der Jahre 1882 und 1884 geschaffenen Zustande, wonach das Landestheater als »Deutsches Landestheater unter Aufrechterhaltung der Rechte der Erblogeneigentümer in rechtsförmlicher Weise der Aufführung von Vorstellungen in deutscher Sprache gewidmet wurde, hat sich bis zum heutigen Tage nichts geändert. Das im Jahre 1888 eröffnete »Neue Deutsche Theater« ist ein reines Privatunternehmen.

Einer rechtlichen Beschlagnahme des deutschen Landestheaters für èechische Zwecke steht aber auch im Wege der für die Zeit vom 1. November 1918 bis 30. Juni 1928 laufende Vertrag, welchen die Landesverwaltungskommission für den Landesausschuß und namens des König reiches Böhmen mit Zustimmung der Erblogeneigentümer mit Herrn Leopold Kramer am 28. September 1918 abgeschlossen hat, kraft dessen dem genannten Theaterdirektor neben dem Neuen Deutschen Theater auch die Benützung des Landestheaters überlassen wird. Dieser Vertrag ist durch den Umsturz vom 28. Oktober 1918 im keiner Weise berührt worden, denn einerseits ist durch das an diesem Tage vom Nationalausschuß erlassene Gesetz das bisherige objektive Recht aufrecht erhalten worden, anderseits ist in Bezug auf die Rechtssubjektivität des Landes Böhmen ne Änderung nicht eingetreten.

Wenn nun eingewendet werden sollte, das Landestheater sei vom Lande Böhmen für das Land geschaffen worden und aus dem größtenteils èechischen Charakter des Landes sei auch der èechische Charakter des Landestheaters zu folgern, so steht dieser Einwand mit der von mir im vorausgehenden gegebenen historisch-genetischen Darstellung im Widerspruch. Das Landestheater ist nicht als Landestheater, sondern als Privattheater des Grafen Nostitz erbaut worden, und als s von den böhmischen Ständen käuflich erworben wurde, wobei allerdings der Kaufpreis nicht das Land Böhmen, sondern bloß die Logeneigentümer belastete, war es bereits ein deutsches Theater. Es war also nicht nur freier Wille der Stände, sondern die Erfüllung einer Rechtspflicht, wen sie dem Theater den deutschen Charakter beließen. Der geschichtliche Rechtstitel spricht demnach nicht für die Èechisierung, sondern für den deutschen Charakter des Landestheaters. Zudem besitzt der èechische Teil des Landes sein Landestheater im èechischen Nationaltheater. Nochmals muß ich darauf hinweisen, daß der deutsche Charakter des Landestheaters durch die grundbücherliche Eintragung seitens des Landtages selbst garantiert und verbürgt ist, wonach laut § 9 des böhmischen Landesgesetzes vom 5. Dezember 1874 ausgesprochen sein soll, daß der Eigentümer inbezug auf die freie Vermögensverwaltung beschränkt ist. Die Èechisierung des Landestheaters würde darum nicht bloß einen Eingriff in einen zweifellosen nationalen Besitzstand, sondern - ich sage das ausdrücklich - einen förmlichen Rechtsbruch bedeuten, welcher auch den den Deutschen dieses Staates im Friedensvertrag zugesicherten Minoritätsschutz auf das Ärgste verletzen würde.

Meine Herren! Diese meine Ausführungen haben klipp und klar gezeigt, auf pressen Seite das Recht ist, und trotzdem hat die Regierung auch nicht den geringsten Versuch gemacht, uns Deutschen zu unserem Rechte zu verhelfen und vor allem die èechischen Vorstellungen zu verbieten. Wir Deutsche können uns für unser Recht sogar auf die Äußerung eines ihrer angesehensten Führer, auf den Abgeordneten Dr. Ladislaus Rieger, berufen, der im Jahre 1880 als Wortführer der Èechen im böhmischen Landtag ausdrücklich erklärt hat, es sei ein Gebot der Gerechtigkeit und der Gleichberechtigung, den deutschen Charakter des Landestheaters festzuhalten und grundbücherlich festzulegen. Nehmen Sie uns Deutschen trotzdem das deutsche Landestheater weg, so haben wir wieder einen neuen Beweis, wie sehr in der Èechoslovakischen Republik Gewalt vor Recht geht.

Die furchtbaren Verwüstungen der letzten Tage haben aber auch in erschreckender Weise gezeigt, daß wir Deutsche hierzulande, namentlich in der Hauptstadt, tagtäglich in unserem wirtschaftlichen und kulturellen Besitzstand gefährdet sind. Die ganze verflossene Woche mußten die deutschen Volks-, Bürger- und Mittelschulen gesperrt bleiben und auch die deutschen Hochschulstudierenden haben zum größten Teil den ungastlichen Staub ihrer Musenstadt von den Füssen geschüttelt und sind in ihre Heimat zurückgekehrt. Denn gerade sie, heutzutage sicherlich die Ärmsten unter den Armen, haben in den letzten Tagen unter der Deutschenverfolgung dahier am ärgsten zu leiden gehabt. Oder ist es zuviel gesagt, wenn ich die Bedrängung und Beschädigung von Wohnstätten und Speiseräumen dürftiger Studenten geradezu als eine unerhörte Barbarei brandmarke? Mehr als durch alle die übrigen Untaten ist das Ansehen des èechoslovakischen Staates infolge der barbarischen Behandlung der hiesigen deutschen Hochschulen und der deutschen Hochschüler vor der ganzen Kulturwelt auf das schwerste kompromitiert worden. Das Echo darauf haben Sie jetzt schon hören können in Kundgebungen der Studentenschaft auf den reichsdeutschen und deutschösterreichischen Universitäten und dies gerade in einem Augenblick, wo auch die hiesige èechische Studentenschaft zur Wahrung und Förderung der allgemeinen kulturellen Interessen engere Beziehungen mit den reichsdeutschen Universitäten anzuknüpfen sich anschickt. Wir deutschen Professoren und die deutschen Studierenden beider deutschen Hochschulen sind zwar schon seit dem Umsturz überzeugt, daß eine Verlegung beider deutschen Hochschulen aus Prag ins deutsche Gebiet ein Gebot der Notwendigkeit geworden ist. Und wer von uns noch schwankend war, den werden gewiß die letzen Tage, die Behandlung der deutschen Studenten und unserer deutschen Kulturstätten die Augen geöffnet haben, daß unser Bleiben in Prag auf die Dauer nicht mehr möglich ist. Die Regierung und die Nationalversammlung werden und müssen Mittel und Wege finden, um die Verlegung so rasch als möglich durchzuführen. Wir deutschen Professoren und die deutschen Studenten haben es satt, ihr höchstes Kulturgut, ihre Hochschulen, schutz- und rechtlos der rohen Gewalt der èechischen Strasse ausgesetzt zu sehen. Wie ist unter solchen Verhältnissen und inmitten dieser ständigen Bedrohung ein geordneter, ruhiger Studienbetrieb möglich? Wir haben weder zu der jetzigen Regierung, die sich eingestandenermassen dem Aufruhr der Gasse gegenüber als machtlos, ja als völlig ohnmächtig erwiesen hat, noch zu einer anderen èechoslovakischen Regierung irgendwelches Vertrauen, daß sie jemals uns hier in Prag den notwendigen staatlichen Schutz werde zukommen lassen können. Wie jede èechische Regierung und auch die Majorität der Nationalversammlung es als ihre oberste Maxime in Gesetzgebung und Verwaltung betrachtet, das Deutschtum in diesem Staate teils durch offene, teils durch versteckte Gewalt zu unterdrücken und womöglich ganz auszurotten, um den bisher bloß auf dem Papier stehenden einheitlichen Nationalstaat auch in die Tat umzusetzen, so suchen die èechischen Massen, durch das aneifernde Beispiel von oben angefeuert und begeistert, wie der Bürgermeister der Hauptstadt es so trefflich bezeichnet hat, in ihrer mehr handfesten Weise diesen Entdeutschungs- und Èechisierungsprozeß von Zeit zu Zeit - namentlich hier in Prag zu beschleunigen. Vor diesem geistigen Mord müssen unsere Hochschulen so rasch als möglich bewahrt und geschützt werden. Darum muß unsere Losung sein: Hinaus mit unseren Hochschulen aus Prag in das deutsche Siedlungsgebiet! (Souhlas a potlesk nìmeckých senátorù.)