Werte Anwesende! Was unsere programmatischen Schulforderungen anlangt, so sind sie schon zum Ausdruck gekommen in dem Programm, welches sich die Sozialdemokraten vor 30 Jahren gegeben haben. Die wichtigsten Programmpunkte sind die Forderungen der Weltlichkeit der Schule, des obligatorischen Besuches der öffentlichen Schulen, der Unengeltlichkeit des Unterrichtes, der Lehrmittel und der Verpflegung, der Verpflegung, weil auch derjenige, der sich identifiziert mit der Klassenauffassung, sicherlich aus pädagogischen und sittlichen Gründen nicht wünschen kann, dass der soziale Unterschied der Klassen bereits den Kindern zum Bewusstsein kommt und weil sicher eine gleichmässige und bescheidene, aber die Ernährung sichernde Erziehung im Interesse einer jeden ernsten Staatsauffassung gelegen ist.

Aber ich wollte - und darauf möchte ich den Nachdruck legen - etwas anderes inbezug auf die Schule heute sagen, von der Schule als dem wichtigsten Mittel der Menschenökonomie. Es war zu jeder Zeit eines der grössten Verbrechen, welche die ökonomisch wirtschaftende Menschenheit an sich selbst begangen hat, dass sie so viel geistige Energie verschwendet hat durch unrichtige Zuteilung, durch nichtentsprechende Wahl der Schulen u. s. w., und dies wird zu einer Katastrophe unter der Nachwirkung dieses Weltkrieges, der nebst dem kostbaren Kapital zerstörter Güter, vernichteter Wirtschaftsmöglichkeiten, Verschuldung der Staaten und Verschuldung der Arbeitskraft für die kommenden Zeiten die schlimmsten Zerstörungen am wertvollsten Kapital gebracht hat, das die Menschheit überhaupt besitzt, am menschlichen Kapital. Die Vernichtung von so ungeheuer viel Menschen macht es notwendig, dass wir mit der Oekonomie der Kräfte haushalten. Das ist ein Interesse, in welchem alle Nationen ein Ziel haben und in welchem ein Wettbewerb vorhanden ist, und ich glaube, den Geist eines Mannes vor Ihnen beschwören zu können, der uns eben so heilig ist wie Ihnen selbst, der den Gedanken der Organisation der Schule mit der höchstem Ausnützung der Kräfte und mit der besten Anpassung an die psychologischen Voraussetzungen schon vor 300 Jahren ausgesprechen hat, den edlen Commenius, den Mann, der, dem èechischem Volke entstammend, zum Apostel der Menschheitsideale geworden ist und zum Vorbild pädagogisch tiefer Menschenliebe, die die Bewunderung aller Zeiten erfordern wird. Schon in der >Magna didactica< findet sich die berühmte Stelle - gestatten Sie, dass ich sie zur Vorlesung bringe - im 29. Kapitel: >Wir beabsichtigen einen allgemeinen Unterricht aller, die als Menschen geboren sind, zu allem Menschlichen; zusammen müssen sie alle dahin geführt werden, wohin sie geführt werden können, damit sie sich gegenseitig beleben, anregen und anstacheln. Alle sollen zu allen Tugenden, auch der Bescheidenheit, Eintracht, gegenseitiger Dienstfertigkeit gebildet werden. Daher, dass man sie nicht zu frühzeitig von einander trennt und nicht etwa einigen wenigen dazu Gelegenheit bietet, dass sie mehr als den übrigen sich selbst wohlgefällig sind und die anderen neben sich verachten. Schon im 6. Lebensjahr eines jeden bestimmen zu wollen, für welchen Beruf er geeignet ist, ob für die Wissenschaften oder für das Handwerk, erscheint gewiss eine Uebereilung. Weder die Kräfte des Geistes, noch Lust und Neigung geben sich hier schon hinreichend kund. Später wird beides besser zutage treten, ebenso wie man in dem Garten, solange die Gewächse noch zart sind, nicht erkennen kann, welche man ausjäten und welche man ziehen muss, sondern erst dann, wenn dieselben herausgewachsen sind. Und es werden nicht bloss die Kinder der Reichen, Adeligen, der Beamten zu dergleichen Würden geboren, dass bloss ihnen die lateinischen Schulen offenstehen müssten, die übrigen als hoffnungslos zurückzuweisen wären. Der Wind bläst, wohin er will, und fängt nicht immer zu bestimmter Zeit an zu blasen<.

Mit prophetischem Blick, könnte man sagen, oder in pädagogischer Intuition hat Commenius mit diesen Worten die Notwendigkeit der Einheitsschule und die Notwendigkeit der Arbeitsschule vorausgesehen, die zwei Gesichtspunkte der Schulreform, für welche in unserem Budget nicht ein Heller vorgesehen ist, nicht ein Heller für eine Experimentierschule nach den Gesichtspunkten der modernsten Pädagogik, der alle fortschrittlichen Lehrer der ganzen Welt heute angehören. Nicht der geringste Versuch, die Schule an die psychologischen Errungenschaften der Erkenntnis der Kinderseele anzupassen, die in den Dienst einer richtig organisierten Schule zu stellen sind. Es zeigt uns die psychologische Analyse der Kinder, dass die Entscheidung über die Begabung und über die Richtung der Begabung für viele Gegenstände und viele Dinge, die ausschlaggebend sind, für die Wahl der Schule und des Berufes, für die Wahl des Lebensweges, dass solche Endscheidungen vielfach getroffen werden in einer Zeit, in welcher die Möglichkeit, die praktische Begabung zu erkennen, weder den Eltern, noch den Lehrern, und was noch viel wichtiger ist, auch dem Schüler selber nicht gegeben ist. So wird bei vielen Kindern der Beruf und die Schule, in welche sie zu gehen haben, gewählt aus Neigung, die nicht immer ein Symptom der Begabung ist und die sich sehr häufig als Lebensirrtum herausstellt, der oft nicht mehr gutgemacht werden kann. Ich will Ihnen hier ja keine pädagogische Abhandlung zum besten geben, aber man wird mir zugeben, dass für die entscheidenden Dinge, wie für die sprachlich-grammatische Seite unserer Mittelschulbildung das Alter von 10 oder 11 Jahren zu früh ist, dass wohl die mechanische Seite der Sprache erlernt werden kann, aber Sie werden zugeben, dass für die logische Funktion der Kontinuität des Denkens, wie sie durch die Mathematik vermittelt wird, das Alter noch zu früh ist, in welchem die Entscheidung getroffen wird und dass es kein Unglück wäre, sondern nur eine Steigerung des pädagogischen Nutzeffektes, wenn wir eine Gemeinsamkeit der Grundlagen des Unterrichtes in der Schule über eine viel längere Zeit schaffen würden, als dies heute der Fall ist. Ich will nicht entscheiden, ob bis zu 14 oder 12 Jahren, weil das Sache pädagogischer und psychologischer Fachmänner ist. Was würde es aber bedeuten, wenn die Entscheidung über die richtige Schule hinausgeschoben werden könnte durch die Schulorganisation selber und wenn ein hoher Prozentsatz der Kinder, die jetzt in die unrichtige Schule kommen, nicht mehr umsatteln müssten. Darum plädiere ich dafür, dass man sich ernstlich damit befasst, wenn man die Begabung fördern will, wenn man den Aufstieg der Begabten im Interesse der Gesellschaft und des Staates fördern will, ich plaidiere dafür, dass man sich mit diesen ernsten Gedanken der Schulreform in dem Sinne befasst, dass man eine grössere Mobilität und Elastizität unseres Schulorganismus schafft, damit der Uebergang von einem Typ zum anderen gegeben sei. Das ist die Forderung nach der Einheitschule.

Und noch etwas höchst Verantwortliches: Wir Sozialdemokraten sind der Ueberzeugung, dass auf einer höheren Stufe der Produktionsfähigkeit diese Möglichkeit gegeben sein wird, auf den Standpunkt einer wesentlichen Verlängerung der Schulzeit über 14 Jahren hinaus, sodass dasjenige, was heute im Handwerk ausserhalb der Schule gelernt wird, in der Arbeitsschule gelehrt werden kann, die auch verbunden werden kann mit anderen Dingen. Und ich sage hier, auch aus einem anderen wichtigen und wesentlichen Grunde, aus dem der Charakterbildung: Sie wissen, welch grosse Bedeutung für die Charakterbildung gerade dieses Alter hat, wo die meisten Kinder von der Schule entlassen werden. Die Pubertätswellen um das 14. Lebensjahr herum sind eine entscheidende Wende in der Entwicklung des Geistes und Charakters, des ganzen Habitus jedes Menschen, und da sind 90% und mehr der Kinder, die Kinder des gesamten Proletariats ins Leben hinausgestossen und allen Zufälligkeiten ausgesetzt. Wir sind also dafür, dass eine Fürsorgetätigkeit in der Form der Schule auch noch über dieses Alter hinausgeht. Wenn wir am Ende der Schulverpflichtungszeit sind, die wir uns wesentlich verlängert denken gegenüber dem jetztigen Zustand, dann ist es notwendig, damit das oft zitierte Wort >Non scholae, sed vitae discimus< aus einer Phrase zur Wirklichkeit werde, dass bei der Entscheidung über die Berufswahl zur Berufsberatung alle jene Faktoren herangezogen werden, welche wesentliche Erfahrungen aus dem Leben mitbringen und welche beurteilen können, was man im praktischen Leben in den verschiedenen Berufen braucht. Es ist eine Berufsberatungsstelle notwendig, welche es nicht dem Zufall überlässt, welchen Berufen eine Gruppe sich zuneigt, wobei sich dann herausstellt, dass in dem einen Berufe zuviel und in dem andern zu wenig Leute sind, sondern welche das ganze statistische Material inbezug auf die Aussichten der einzelnen Berufe zur Verfügung hat, welche Berufe nicht gegen Neigung und Begabung, aus Gründen der zufälligen Konjunktur ergriffen werden müssen. Diese unsere Forderung der Arbeitsschule und der Einheitsschule ist im Interesse der Gesellschaft, sie ist im Interesse des Einzelnen.

Noch etwas anderes! Wenn irgend jemand meint, dass dadurch das Bildungsideal der Menschen herabgesetzt wird, wenn wir eine Schule haben, in welcher nicht mehr künftige Subalternbeamte griechisch und lateinisch lernen müssen, dafür aber etwas anderes - ich bin selbst klassischer Philologe und werde sicherlich den Wert der antiken Bildung nicht geringschätzen - dann wird man demgegenüber fragen müssen: wie viele von denen, die durch diese Schule gegangen sind, kommen in die Lage, den Geist dieser Bildungselemente an sich selbst zu erproben und bis zum Zentrum dieser Dinge vorzudringen, während die Belastung des Unterrichtes der Mittelschulen mit diesen Gegenständen eine Entziehung der Zeit und der Möglichkeit ist, tausend wichtige Dinge, die mit dem modernen Leben zusammenhängen, kennen zu lernen. Es wird natürlich ein Ausgleich möglich sein, aber die Zahl derjenigen, für welche diese Bildungsseite in Betracht kommt, ist durchaus begrenzt.

Halten Sie sich nur Folgendes vor Augen: Es gehen heute beispielweise 100 Kinder in die erste Klasse einer Mittelschule von heute und am Schlusse, nachdem sie durch das ganze Studium der Mittelschule gegangen sind, bleiben vielleicht 20 bei der Maturitätsprüfung übrig. Ist es richtig, dass diese 20 die beste Auslese für die Bedürfnisse des Lebens bedeuten? Ist es richtig, dass bei denen das Organ, das im Kopfe sitzt, am weitesten entwickelt ist? Bei sehr vielen ist ein anderes Organ, welches an einer anderen Stelle des Körpers sitzt, Voraussetzung, dass sie aus dieser Auslese herausgekommen sind. Aber abgesehen davon, ist die heutige Mittelschule ein Faktor der Auslese? Liegt das im Interesse einer biologischen Auffassung des Lebens? Sicherlich nicht! Aber dafür sind die 80, die nicht würdig befunden wurden, an die Hochschule zu gehen, in den meisten Fällen für ihre Berufe, die gewerblichen, merkantilen, künstlerischen und sonstigen praktischen Berufe schlecht vorbereitet gewesen. Sie sind abgestossen worden vor der Zeit. Es muss daher unsere gesamte Schulorganisation so eingerichtet sein, dass jederzeit die Umschaltung auf die andere Richtung gegeben sein kann. Ich bin überzeugt, dass die Folge davon sein wird, dass dann nur diejenigen Latein und Griechisch lernen werden, welche etwas davon haben, welche tiefer hineindringen und für welche es eine wichtige Brücke für verschiedene andere Dinge ist. Ich möchte mich aber bei diesen Einzelheiten nicht aufhalten.

Wir wollen also, dass die Schule ein Element der Auslese wird, wir wollen den Aufstieg der Begabten, und das steht nicht im Widerspruch zu der sozialistischen Weltanschauung. Denn derjenige kennt den Sozialismus schlecht, der meint, dass wir die natürlichen Verschiedenheiten der Menschen beseitigen wollen. Die Ungleichheit der Rechte, die die grössere natürliche Begabung bedeutet, verpflichtet zu grösseren Leistungen und in einer Zeit, in welcher die Leistung für die Gesamtheit gewürdigt werden wird, wird das der wesentlichste und wichtigste Lohn für die Menschen werden. Nur in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung spielt die Relation zwischen dem hohen Einkommen und zwischen der Leistung eine gewaltige Rolle, und diejenige verleugnen die menschliche Natur, welche meinen, dass dasjenige, was wir in der historischen Phase des Kapitalismus als Auslese und Beziehung zu den Dingen bezeichen, einen Ewigkeitswert habe, die verleugnen die menschliche Natur, wenn sie behaupten wollen, dass das, was der entartete Kapitalismus mit seiner Widernatur in die Menschen hineingetragen hat, der Ausdruck der natürlichen Verhältnisse sei, dass das Natur sei, während es im Gegenteil Unnatur ist. Die natürlichen Unterschiede werden auch weiter bestehen, sie werden nicht so gross sein wie jetzt und das Spiegelbild der Auslese, das uns die Stufenleiter der Menschen in der Gesellschaft heute darstellt, ist alles andere als der Ausdruck eines biologischen Gesetzes. Es sind nicht die Schönsten, nicht die Besten, Kräftigsten, Tüchtigsten, welche obenauf sind, es entscheidet über das Schicksal des einzelnen nicht seine Persönlichkeit, und diejenigen, die gegen den Sozialismus immer den Individualismus ausspielen, vergessen, dass der Kapitalismus den Persönlichkeitswert zerstört, indem er das Individuum zwingt, sich in den Dienst einer kulturwidrigen Gesellschaft zu stellen, und dass erst der Sozialismus, der das Ganze im Auge hat, eine Arbeitsteilung nach der Begabung schaffen kann und jeden Menschen an die Stelle zu setzen in der Lage ist, in welcher er voll und ganz sich ausleben kann.

Werte Anwesende! Das gilt auch von der nationalen Frage. Es ist ja schon so schrecklich viel bei dieser Budgetdebatte darüber gesprochen worden, dass man fast den Mut verliert, immer wieder von unserem sozialistischen Standpunkte aus zu sagen, wie wir zu den Dingen stehen. Es hat mein Kollege und Parteigenosse Prof. Wiechowski schon vor mir gesagt, dass wir wollen, dass das nationale Moment ausgeschaltet wird in der Verwaltung des Staates von Machtelementen. Ich füge hinzu, wir wollen es in dem Sinne, in welchem wir Sozialdemokraten die nationale Frage verstehen. Wir leugnen nicht die Nationalität, wir wollen sie nicht bekämpfen, wir wollen im Gegenteil, dass die natürlichen Unterschiede und die natürlichen Begabungen der Völker wettbewerbend zum Ausleben gelangen. Aber sie müssen entarten in einer Zeit, in der der Nationalismus nichts anderes ist als ein Herrschaftsinstrument des Staates, und sie sind vollständig entgiftet, wenn es in einer Gesellschaftsordnung geschieht, in der der Wettbewerb der einzelnen Individien und Völker nicht ihre gegenseitige Vernichtung und Bekämpfung, sondern ihre gegenseitige Ergänzung bedeutet. In diesem Sinne sind wir international und in diesem Sinne werden wir dann auch in einem Staate mitarbeiten im Sinne unseres Ideals, wenn uns der Staat nicht die Möglichkeit dieser Entwicklung und dieser Betätigung unterdrückt. Darum aber, weil wir in dieser Regierung wieder nichts anderes sehen als verschleiert mit allen möglichen Ideologien, eine Regierung der wirtschaftlich Mächtigen, die sich das Gewand des Nationalismus umtun, damit ihr wahrer Klassencharakter nicht erkannt wird, deshalb stehen wir auf das Entschiedenste gegen diesen Staat im Sinne unseres sozialistischen Ideals, aber auch im wahren Interesse der gesamten Bevölkerung. (Potlesk na levici.)

8. Øeè sen. Heckera (viz str. 519 protokolu):

Hohes Haus! Wenn wir als Sozialdemokraten die Budgetdebatte dazu benützen, um an den Verhältnissen dieses Staates Kritik zu üben, so ist dies daraus leicht zu verstehen, dass gerade die Arbeiterschaft in diesem Staate unter den gegenwärtigen Verhältnissen am meisten und schwersten zu leiden hat. Ich will hauptsächlich unsere soziale Gesetzgebung und unsere sozialen Einrichtungen kritisieren. In der Debatte wurde schon oft erklärt, dass dieser Staat sich wohl als demokratischer Staat geriere, aber anschliessend an die vielen bereits erbrachten Beweise möchte ich auf dem obenerwähnten Gebiete auch einige Beweise dazu anführen, dass dieser Staat in seinen Einrichtungen alles ist, nur kein demokratischer Staat.

Man hat Klage über die Entziehung der Gemeindeautonomie geführt. Man hat auch auf sozialpolitischem Gebiet die Autonomie genommen, und wir können dies mit vollen Belegen nachweisen. Unsere Krankenkassen sind soziale Institute, bestimmt, den Arbeitern, den Versicherten in schwersten Zeiten bei Krankheiten helfend zur Seite zu stehen. Es war ein alter Grundsatz unseres Krankenkassenversicherungsgesetzes, dass die Verwaltung der Krankenkassen nur jene innehaben sollen, die mit zu diesen Instituten beitragen, das sind die Arbeiter und die Unternehmer. Allein seit Bestehen dieses Staates, das sind nun schon mehr als zwei Jahre, konnten die Generalversammlungen unserer Krankenkassen nicht abgehalten werden, unsere Kassen werden heute zum Teil in einem Sinne verwaltet, der allen demokratischen Begriffen Hohn spricht. Sie sehen das auch bei unserer Unfallversicherung. Diese war ebenfalls auf der erwähnten demokratischen Grundlage aufgebaut, Sie wissen aber, dass die alte Verwaltung der Unfallversicherung aufgelöst wurde aus Gründen, die ich jetzt nicht näher besprechen will. Seit Gründung dieses Staates sind noch keine Neuwahlen in die Unfallversicherung ausgeschrieben worden. Es wird auch hier tatsächlich bürokratisch verwaltet. Dazu kommt noch, dass man bei der Kooptierung in die Verwaltung die deutsche industrielle Arbeiterschaft in einer Art und Weise behandelt hat, die jeder Gerechtigkeit Hohn spricht, denn man hat die industrielle Arbeiterschaft soviel wie gar nicht berücksichtigt.

Nun einige Worte zum Kapitel Arbeitslosenunterstützung: Ich will augenblicklich von deren Höhe, von deren Verschlechterung nicht reden, aber ich will auch hier nur sagen, dass selbst in dem alten, soviel verspotteten Oesterreich auch die Arbeitslosen etwas dareinzureden hatten, dass sie mitentscheiden konnten, wer berechtigt sei, die Arbeitslosenunterstützung zu beziehen oder nicht. Dieses Recht haben Sie den Arbeitern weggenommen. Irgendein Bezirkshauptmann draussen, der oft ganz fremd den wirklichen Verhaltnissen gegenübersteht - wir haben viele Bezirkshauptleute, welche sich in das eigentliche Wesen der Dinge nicht hineindenken können - entscheidet nun ganz eigenmächtig nach seinem Gutdünken, wenn nicht gar nach Willkür, ob dem einen oder dem andern nach dem Gesetze die Arbeitslosenunterstützung zuerkannt werden soll oder nicht. Was für Dinge kommen da oft heraus! Ich könnte Ihnen Duzzende von Beispielen aufzählen, wo selbst die notleidendsten Personen, die am berechtigtesten waren, die Unterstützung zu beziehen, ganz einfach abgewiesen wurden. So ist es in allen diesen Dingen: ein reiner Bürokratismus hat sich eingebürgert, trotz aller Bitten und Gesuche war es bis jetzt nicht möglich, die Regierung dahin zu bringen, dass bei den Krankenkassen und bei der Unfallversicherung das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter, ihre Mitentscheidung darüber, wer die Unterstützung beziehen soll, anerkannt werde. Nach welchen Grundsätzen man hier vorgeht, das weiss ich nicht. Ich sehe nur, wie man diese grossen Gebiete ganz einfach wieder nach der nationalen Schablone behandelt.

Ich bitte die èechischen Parteigenossen, mir nicht böse zu sein, ich will nur einen Fall anführen, wie der Apparat klappt. In Reichenberg ist ein alter Holzwebstuhl, der sollte nach Deutschland ausgeführt werden. Er liegt irgendwo bei einem alten Hausweber auf dem Dachboden. Der Hausweber suchte um die Ausfuhrbewilligung an. Nun wurden von der Regierung umständliche Erhebungen eingeleitet, es wurde aber nicht irgendjemand in Reichenberg gefragt, ob durch die Ausfuhr dieses Holzwebstuhles die industriellen Interessen dieses Staates gefährdet werden könnten, nicht die 90.000 Mitglieder zählende Organisation der deutschen Textilarbeiter wurde gefragt, man ging vielmehr zur Prager Textilorganisation. Èechische Organisation wurde gefragt, ob in Reichenberg ein Schaden entstünde, wenn dieser Webstuhl ausgeführt würde. Die èechische Organisation musste natürlich wieder zu uns kommen, weil sie nichts hierüber weiss; wir mussten lange suchen, bis wir den Menschen fanden, auf dessen Dachboden dieser alte Webstuhl liegt. Aber die Regierung wendet sich an die Prager Organisation, an die kleinere, die Reichenberger Zentrale dagegen, wo doch Reichenberg der Zentralsitz der Textilorganisation deutscher Zunge ist, die fragt man nicht, sondern macht erst Umwege über andere Organisationen. Die Sache ist gewiss nicht weltenbewegend, ich habe es bloss zur Illustration dazu angeführt, was für unbegreifliche Dinge gemacht werden. Wir haben wohl ein freies Wahlrecht, sodass man nach aussen hin den Staat als demokratischen Staat betrachten könnte, aber im Innern wird der Bürokratismus, die Verwaltung in allem und jedem einfach so gehandhabt, dass von einem demokratischen System gar keine Rede sein darf.

Nun gestatten Sie, dass ich mit einigen Worten wieder zur Arbeitslosenunterstützung zurückkehre. Vor zwei Jahren wurde das Gesetz über die Arbeitslosenunterstützung geschaffen. Die Teuerung hat seit diesen zwei Jahren eine Höhe erreicht, wie wir sie in unseren schlimmsten Annahmen nicht gedacht hatten. Vor zwei Jahren, am 10. Dezember 1918, wurde nach altem österreichischen Muster das Gesetz über die Arbeitslosenunterstützung geschaffen. War dieses Gesetz, welches den Arbeiterfamilienmitgliedern 1 K, dem Familienerhalter eine Unterstützung eventuell im Betrage bis zu seinem Krankenkassageld zuerkannte, schon für die damaligen Verhältnisse nicht hinreichend, so kann es absolut nicht hinreichend sein nach diesen zwei Jahren, wo auf der einen Seite alles doppelt, dreifach, vierfach teuerer geworden ist, auf der anderen Seite aber die Arbeitslosenunterstützung, statt sie den Zeitverhältnissen anzupassen, durch Verordnungen verschlechtert wurde. Eine Verordnung hat die andere verjagt, das Gesetz wurde verschlechtert, und die Krone hat den Dingen aufgesetzt die jüngste, ich glaube im Ständigen Ausschuss beschlossene, Neuregelung der Arbeitslosengesetzes. Wenn ein Familienvater oder Familienerhalter Arbeit hat, ohne Rücksicht darauf, wieviel er verdient, auch wenn noch zehn seiner Familienmitglieder arbeitslos wären, so haben alle Familienmitglieder, wenn es erwachsene Söhne und Töchter sind, keinen Anspruch mehr auf die Unterstützung. Nur wenn der Familienerhalter selbst arbeitslos ist, können auch die Familienmitglieder Unterstützungen beziehen, u. zw. bis zu drei Familienmitgliedern die volle Unterstützung, die anderen 1 K. Anders verhält es sich aber mit jenen Familien, wo keine erwerbsfähigen Familienmitglieder vorhanden sind. Wie macht man es da? Wenn keine erwerbsfähigen Mitglieder da sind, erhält die Unterstützung nur der Vater. Nun stellen Sie sich einmal einen Vater mit Frau und vier, fünf, sechs Kindern vor, der 5 K erhält - es gibt aber auch Gebiete, wo er nur 4 oder 3 K bekommt. Wenn es hoch geht, bekommt er 6 K, im günstigsten Falle bekommen die Kinder pro Tag noch 1 K. Aber das gilt noch nicht für alle, das gilt nicht für jene, die über 65 Jahre alt sind. Das ist wohl die grösste Härte, die es gibt. Ich bitte, Arbeiter, die dreissig bis vierzig Jahre für die Gesellschaft gearbeitet haben - und das haben alle, die so alt sind - die ihre beste Jugendkraft um nichts hingegeben haben, nur um von Tag zu Tag das bischen nackte Leben fristen zu können, die sollen nun zur Strafe, weil sie ihr Leben lang nichts getan haben, als für die Gesellschaft gearbeitet zu haben, und die alt geworden sind und nun aus der Fabrik hinauskommen, weil keine Arbeit mehr ist, die sollen zur Strafe dafür noch die geringe Arbeitslosenunterstützung verlieren.

Wenn man in einem Staate so mit den Massen wirtschaftet - und davon sind nicht Einzelne, sondern Zehntausende und Hunderttausende betroffen - dann dürfen Sie sich nicht wundern, dass der Bolschewismus so leicht Eingang findet unter den Massen. Ich wundere mich nicht darüber, mich wundert es im Gegenteil, dass es nicht schlimmer ist, was allerdings nur auf die Besonnenheit des Grossteils der Arbeiter zurückzuführen ist. Wir haben bereits im Sommer Anträge auf Erhöhung der Unterstützung, auf Einführung einer Teuerungszulage gestellt. Allein die Anträge sind begraben, statt einer Verbesserung haben wir eine Verschlechterung. Es ist auch ganz falsch, wenn unser Minister für soziale Fürsorge erklärt: Wir müssen die Unterstützungen abbauen, die Leute werden nicht mehr arbeiten. Es gibt nicht nur Minister, die so denken, es gibt auch viele aus den bürgerlichen Kreisen, die meinen: Ja wenn man hohe Arbeitslosenunterstützungen auszahlt, arbeitet niemand mehr, will niemand mehr arbeiten. Dies ist eine Beleidigung der Arbeiter, und wenn die Arbeiterschaft so wäre, dann würde sie diese Beleidigung, die sie der Arbeiterschaft hiemit zufügen, ihnen ganz anders quittieren. Gehen Sie hinaus, kommen Sie zu uns, unsere Leute nehmen jede Arbeit an, gehen betteln um Arbeit, laufen von Fabrik zu Fabrik und können keine bekommen. Wenn Sie sich vielleicht auf die ein oder zwei Prozent Arbeiter berufen, nie nicht gern arbeiten, so bleibt es trotzdem eine Beleidigung der Arbeiterschaft, wenn Sie sie als faul bezeichnen.

Nun bitte ich Sie, stellen Sie sich einen Familienvater vor, der als Arbeiter für sich 5 K und für jedes Familienmitglied noch 1 K bekommt, wenn es gut geht; wie soll der mit 10 K täglich eine 5 bis 6köpfige Familie ernähren? Ich möchte die Herren, die die Nase rümpfen über die faulen Arbeiter, fragen, was sie tun würden, wenn sie mit diesen par Kronen leben sollten. Das sind nun selbstverständlich Dinge, die nicht Bestand haben können. Freilich, der Herr Finanzminister macht sich die Sache leicht. Er oder die Regierung sagt: Wir werden ganz einfach statt der 250 Millionen, die im Vorjahre für die Arbeitslosenunterstützung ausgegeben worden sind, heuer nur noch 95 Millionen einsetzen. Da, an diesen Ziffern gemessen, macht sich die Sache leicht, zu behaupten: Die Arbeitslosigkeit hat abgenommen. Die Herren machen es sich wirklich leicht, indem sie meinen, wenn man nichts mehr bezahlt, dann hört die Arbeitslosigkeit auf, sie brauchten keine Industriepolitik zu machen, sie brauchten nicht Wirtschaftspolitik in irgendeiner Form zu machen, sie brauchten nur die Arbeitslosenunterstützung einzustellen und damit wäre auch das Problem der Arbeitslosenuntrestützung gelöst. So wird das Problem nicht gelöst, so werden die Erscheinungen höchstens schlimmer. Wir meinen, es ist die höchste Zeit, dass hier etwas unternommen wird. Wenn das Ministerium für soziale Fürsorge oder die Regierung plant, ein Gesetz zur Regelung der Arbeitslosenunterstützung einzubringen, das auf lange Sicht bemessen ist, welches Gesetz nach dem Genfer System geplant ist, so kann es nur für die Zeitläufte Giltigkeit haben, die wir als normal bezeichnen können; das wird aber jahrelang dauern. Wir müssen bis zu dieser Zeit etwas anderes haben, sonst wird die Arbeiterschaft, wo die Arbeitslosigkeit nicht im Abnehmen, sondern im Zunehmen begriffen ist, wo man nicht weiss, was die nächste Zeit bringt, darauf drängen, dass hier etwas geschehen muss. Und es wird Aufgabe aller verantwortlichen Faktoren sein, dass hier mit aller Energie daran gegangen wird.