Nun gibt es Verteidiger der heutigen Ordnung, die behaupten, daß es nicht das kapitalistische System ist, das die Krise hervorgerufen hat, sondern daß sie durch ungeschickte, schlechte, fehlerhafte und unzulängliche Maßnahmen gezeitigt wurde. Es wird niemand leugnen, daß durch derartige Maßnahmen die Krise sehr wesentlich verschärft wurde. Aber sie wäre auch ohne diese Maßnahmen gekommen. Die fehlerhaften und schlechten Maßnahmen sind bekannt. Die Krise wurde verschärft zweifellos durch die Friedensverträge, durch die unsinnig übertriebene und überspitzte Rationalisierung, durch die schreiende Unfähigkeit der sogenannten Wirtschaftsführer, durch zahlreiche Fehler der Regierungen, die die Gesetze der Wirtschaft vollständig verkannt haben, durch die Errichtung, die Erhöhung der Zollschranken, durch die gegenseitige Abschließung der Staaten und durch viel anderes mehr.

Werden sich aber diese Verhältnisse ändern, werden all die Dinge, die zur Verschärfung der Krise beigetragen haben, imstande sein, sich zu bessern? Was wir sehen, ist das gerade Gegenteil davon. Die Besitzenden haben alle Besinnung verloren; diejenigen, die heute Geld haben, wenigstens die meisten von ihnen, sind geradezu irrsinnig vor Angst, das Geld zu verlieren,und wissen nicht, wo und wie sie es unterbringen können. Sie jagen aus einem Lande ins andere, verlegen ihre Depots, nirgends fühlen sie sich sicher. In jedem Fall entziehen sie ungeheuere Beträge der Wirtschaft, und man wartet auf das große Wirtschaftswunder, das aber nicht kommen will und wird. Es werden die verkehrtesten und unsinnigsten Maßnahmen getroffen. Anstatt die Zollschranken niederzureißen und dafür zu sorgen, daß Völker und Staaten in einen innigen Verkehr treten, werden die Zollschranken immer mehr erhöht. Wir können heute schon von einem geschlossenen Handelsstaate sprechen, beinahe alle Staaten sind das. Die Verbindung zwischen den Staaten hat zum großen Teile aufgehört, und wenn es so weiter geht, wird sie vollständig aufhören. Vor ungefähr vier Jahren wurde in Genf ein internationales Abkommen getroffen, das die Voraussetzungen für den Zollfrieden schaffen sollte, es wurde dort auch ein einjähriger Zollwaffenstillstand von den Vertretern aller Staaten vereinbart. Einige Jahre später, im März 1931, muß festgestellt werden, daß sämtliche Hoffnungen als gescheitert anzusehen sind, nicht nur sämtliche Hoffnungen auf den Zollfrieden, sondern auch auf den Zollwaffenstillstand. Was gerade in der Zeit, wo dieser Zollwaffenstillstand hätte bestehen sollen, geschehen ist, ist nur geeignet gewesen, die Absperrung der einzelnen Staaten voneinander nur noch zu verstärken, und wir stehen heute in Europa, ja in der ganzen Welt in einem ganz offenen Zollkrieg. Ein Staat steht gegen den anderen.

Es würde zu weit führen, all das anzuführen, was in den letzten Jahren geschehen ist, ich will nur erwähnen, was innerhalb eines Monats, von Anfang November bis Anfang Dezember geschehen ist. Zuerst hat England einen 50%igen Wertzoll auf 23 Warengattungen eingeführt, dann hat es die sogenannten Notstandszölle für die Landwirtschaft als zweite Welle eingeführt, die dritte Welle waren wieder neue Zölle auf Fertigwaren. Diese Zollmaßnahmen in England haben - man braucht sich darüber nicht zu wundern - in ganz Europa und in allen Industriestaaten der Welt naturgemäß eine Abwehrbewegung hervorgerufen. Sofort ist die nordamerikanische Regierung dem Beispiele Englands gefolgt, Frankreich, Belgien und Holland haben sofort ihre Zölle erhöht, Esthland, Dänemark, Schweden, Jugoslavien, Polen, Litauen, die Türkei, alle haben entweder sofort ihre Zölle erhöht oder unmittelbar die Vorbereitungen zu neuen Zollerhöhungen beschlossen. Um nun die Absperrung der Staaten voneinander zu vollenden, hat man in den letzten Monaten noch Devisenzäune errichtet. Nicht weniger als 17 europäische und 8 außereuropäische Staaten haben solche Devisenvorschriften erlassen, die nicht nur dem Schutz der heimischen Währung gelten, sondern auch bestimmt sind, Einfuhrschranken zu errichten und die Einfuhr fremder Waren zu verhindern. Außerdem droht jetzt Frankreich mit Sondermaßnahmen, gewissermaßen Strafmaßnahmen gegen alle diese Staaten, die durch diese Devisenverordnungen, den französischen Export gefährden. Dazu kommen die Versuche, durch künstliche Währungsverschlechterung die Ausfuhr zu forcieren, und schließlich und endlich der Boykott, der heute nahezu in allen Ländern gegenüber Waren anderer Länder betrieben ist.

Wir stehen heute mitten in einem schweren Wirtschaftskrieg von ungeheueren Dimensionen und ganz unabsehbaren Folgen. Es ist geradezu Wahnsinn, was da getrieben wird; Europa, die ganze Welt, geht nicht nur der Verarmung, sondern glatt dem Ruin entgegen, wenn es so weiter getrieben wird. Es ist Selbstmord, es ist Selbstvernichtung, ohne daß wir sehen, daß irgendwo eine Besinnung einkehren wird. Wenn irgend etwas geeignet wäre, diesen Verhältnissen zu steuern, so ist es einzig und allein als erste Maßnahme die Verminderung der Arbeitszeit.

Die heutige Krise ist eine Absatzkrise. 20 Millionen sind in der Welt arbeitslos. Die Zahl ist in Wirklichkeit viel größer, schon deshalb, weil ein Großteil der Arbeitslosigkeit durch die Kurzarbeit verschleiert wird. Ich halte mich aber nur an diese gewissermaßen amtliche Ziffer. Diese 20 Millionen Arbeitsloser bedeuten, daß es heute in der Welt 60, gewiß 100 Millionen Menschen gibt, die aus dein normalen Konsum ausgeschaltet und auf die Elendsrationeu leerabgedrückt sind. Was tun nun gegenüber der Forderung nach Verkürzung der Arbeitszeit die Unternehmer, jene Unternehmer, die wahrhaftig nicht unschuldig daran sind, daß es soweit kommen konnte, daß wir zu einer derartigen Zerrüttung der ganzen Wirtschaft gelangt sind? Die Unternehmer, die sonst nicht immer so helle und wachsam sind, sind in ungeheuere Bewegung und Erregung geraten, und ganz besonders ist es der Entwurf unseres Fürsorgeministers, der sie veranlaßt hat, Proteste und Resolutionen gegen die Forderung der Vierzigstundenwoche regnen zu lassen. Ich will ja gar nicht von Menschlichkeit sprechen, die sich angesichts dieser Zustände regen, die sich bemerkbar machen und dahin drängen müßte, daß derartigen Zuständen tunlichst bald ein Ende gemacht werde. Die einfachsten Erwägungen müßten auch die Unternehmer zu der Erkenntnis bringen, daß es ohne Verkürzung der Arbeitszeit nicht gehen wird und kann. Die Entwicklung der produktiven Kräfte erfordert unbedingt eine Anpassung der Arbeitszeit. Wenn früher ein Mann eine Maschine bedient hat und jetzt eine Maschine zehn, ja auch zwanzig Menschen ersetzt oder ein Mann zwei, fünf, zehn und zwanzig Maschinen bedient und alle übrigen Menschen überflüssig geworden sind, dann muß gesagt werden, daß diese achtstündige Arbeitszeit infolge der Steigerung der Arbeitsintensität zu lang geworden ist, daß sie verkürzt werden muß. Statt dessen hören wir das alte abgeleierte Gejammer und Gezetter über die Schädigung und Bedrohung unserer Exportfähigkeit, wir hören sogar, daß die Unternehmer Besorgnisse um die Arbeiter vorspiegeln, und spricht man mit einem Unternehmer, so sagt er, es sei wohl beklagenswert, daß das so ist, aber man könne die Arbeitszeit nicht verkürzen, es müßte sonst die Industrie zugrundegehen. (Výkøiky.)

Dieses Gejammer beweist nur das eine, daß wir seitens der Unternehmer keinerlei Unterstützung zu erwarten haben, daß es auch diesmal so sein wird, wie immer, daß die Forderung nach Verkürzung der Arbeitszeit gegen die Proteste und gegen den Willen der Unternehmer wird durchgesetzt werden müssen. Es ist nicht uninteressant, einen kurzen geschichtlichen Rückblick zu machen. Es ist noch keine 50 Jahre her, da gab es noch keinerlei normalen Arbeitstag und auch keine Sonntagsruhe. Die Arbeiter schufteten in den Fabriken 12, 13 und noch mehr Stunden. Einen Schutz nach dieser Richtung gab es nicht. 1885 wurde nun das sechste Hauptstück der Gewerbeordnung novelliert, und bei dieser Novelle wurde die normale elfstündige Arbeitszeit und die vollständige Sonntagsruhe in den Entwurf aufgenommen. Ehe der Entwurf im Abgeordnetenhause eingebracht wurde, wurde er sämtlichen Handelskammern vorgelegt.

Es wurde eine Enquete veranstaltet. Wenn man die Äußerungen der Unternehmer aus jener Zeit liest, kann man sich gar nicht vorstellen, daß seither nahezu ein halbes Jahrhundert verflossen ist. Es ist derselbe Jammer, es sind dieselben Proteste, dieselben Einwendungen, dieselben Ladenhüter und dieselben Befürchtungen. Sämtliche Handels- und Gewerbekammern waren damals gegen die Verkürzung der Arbeitszeit. Die Regierung ist damals vor den Protesten der Handels- und Gewerbekammern zurückgewichen und hat es tatsächlich unterlassen, in dem dem Abgeordnetenhause vorgelegten Entwurf den Normalarbeitstag festzusetzen. Das Abgeordnetenhaus hat dennoch den elfstündigen Arbeitstag beschlossen. Während nun im Abgeordnetenhaus und im Herrenhaus diese Novelle zum Gewerbegesetze beraten wurde, haben die Handelskammern nicht aufgehört, dagegen zu protestieren, und sie haben gesagt, wenn schon der Normalarbeitstag, dann nicht 11, sondern 12 Stunden, und außerdem soll ein möglichst weiter Spielraum für eine Verlängerung, der Arbeitszeit offen bleiben. Es ist bezeichnend, daß, als im Herrenhaus diese Vorlage zur Beratung stand, sich sogar unter den konservativen Baronen und Grafen eine ganze Reihe gefunden hat, welche gegen den Standpunkt der Unternehmer protestiert haben. Es war beispielsweise Baron Halbert, der gesagt hat, man müsse bei dieser Frage nicht nur den Arbeiter und nicht nur den Profit im Auge haben, sondern man müsse auch im Arbeiter das Menschliche sehen, und dieser selbe Baron Halbert hat erklärt, falls es wahr sein sollte, daß die österreichische Industrie nur bei rücksichtsloser Ausbeutung bestehen könne, dann müsse Österreich darauf verzichten, ein Industriestaat zu sein. Die Unternehmer leisten Widerstand nicht nur aus Borniertheit und aus ihrer schrankenlosen, gewissenlosen Profitsucht, sondern schon aus Gewohnheit. Wir haben also von dieser Seite aus keine Einsicht und keine Unterstützung zu erwarten. Es ist selbstverständlich, daß um so schärfer und um so leidenschaftlicher der Kampf der arbeitenden Menschen für eine Verkürzung der Arbeitszeit geführt werden muß. Die Rechnung ist sehr einfach. In den Staaten, in denen sich 20 Millionen Arbeitslose befinden, gibt es rund 90 Millionen arbeitende Menschen. Das bedeutet mehr als 20% Arbeitslose, daher muß die Arbeitszeit auf mindestens 80 herabgesetzt werden. Der Bedarf wird darunter sicher nicht leiden. Ein sehr bedeutender Volkswirtschaftler, Keynes, hat ausgerechnet, daß schon die 36-stündige Arbeitszeit bei dem heutigen Stande der entwickelten Technik vollständig genügen würde, um den Bedarf zu decken. Wir brauchen also durchaus nicht zuzuwarten, bis die Unternehmer anderer Ansicht geworden sind, sondern müssen den Kampf dafür führen. Auch sonst bewegen sich die Unternehmer immer wieder nur in demselben Gedankenkreis, und unter den Mitteln zur kapitalistischen Lösung der Krise, die sie vorschlagen, befinden sich immer wieder der Lohnabbau und der Gehaltsabbau. Das ist die verkehrteste Maßnahme, um die Krise zu bannen. Das zeugt von Kurzsichtigkeit und Beschränktheit; denn jeder Lohnabbau schädigt nur die Kaufkraft der Massen, macht sie unfähig, entsprechend als Konsumenten aufzutreten.

Die Unternehmer klagen auch über die schweren, drückenden sozialen Lasten. Sie machen sogar diese sozialen Lasten zu einem großen Teil für die Verschärfung der Krise, für die Behinderung ihrer Exportfähigkeit verantwortlich. Ja, meine Herren, sind wirklich diese sozialen Lasten so groß, daß sie die Unternehmer behindern, daß sie sie niederdrücken, daß sie imstande wären, die Krise hervorzurufen oder auch nur zu verschärfen? Blicken wir doch nach Amerika! Dort gibt es keinerlei Arbeiterschutzgesetzgebung, keine Krankenversicherung, keine Altersversicherung, nichts. Wenn der Arbeiter aus der Fabrik hinausfliegt, ist er vollständig schutzlos, auch gegenüber allen Zufällen des Lebens. In Nordamerika gibt es heute trotzdem weit über 5 Millionen Arbeitslose, trotz dem Fehlen jeder Arbeiterschutzgesetzgebung, trotzdem das Unternehmen keinerlei soziale Lasten zu tragen hat. Und wie ist es bei uns? Sämtliche sozialen Lasten zusammengenommen betragen im Jahre 2.9 Milliarden. Davon entfallen auf die Unternehmer 1.6 Milliarden, ein Betrag, der - wenn der Warenumsatz unter Zugrundelegung der Warenumsatzsteuer rund 100 Milliarden beträgt - rund 1.6% des Warenumsatzes, der aber in Wirklichkeit noch größer ist, ausmacht. Und da erzählt man uns, daß die Unternehmer das nicht zu ertragen imstande sind, und sie drängen auf eine Herabsetzung der sozialen Lasten.

Alle diese sozusagen kapitalistischen Lösungen sind keine Lösung, sie bedeuten nur eine Verschärfung der Krise. Denn worin liegt das Problem? Es liegt darin, die Massenkaufkraft wieder zu heben und die Arbeitszeit der Technik anzupassen. Vorläufig ist hier allerdings nicht allzu viel zu erwarten, daß eine Verbesserung der Verhältnisse eintritt. Ich sehe die Zukunft und insbesondere die nächsten Monate sehr schwarz und düster. Was uns übrig bleibt, zu tun, das ist, die Opfer über Wasser zu halten, sie vor dem Verhungern zu schützen. Glauben Sie mir, meine Damen und Herren, diese Gefahr besteht, daß tatsächlich an Hungerödem, buchstäblich an Hunger in nächster Zeit viele Menschen zugrunde gehen können, wenn ihnen nicht ausreichende Hilfe zuteil wird. Und gerade in dieser Zeit glauben gewisse Parteien, daß sie keine andere Sorge haben müssen, als vor dem angeblichen Mißbrauch, der mit der Arbeitslosenunterstützung getrieben wird, zu warnen und zu protestieren. Gewiß, es werden Fälle von Mißbrauch vorkommen. Mit welcher Einrichtung wird denn kein Mißbrauch getrieben? Gewiß soll dagegen etwas getan werden, daß nicht Unwürdige in den Besitz der Arbeitslosenunterstützung kommen. Die Zahl der Fälle ist sicher sehr klein, allzu klein, als daß sie eine solche Aufregung rechtfertigen würde, wie manche Parteien sie hier zeigen. Man sollte überhaupt der seelischen und geistigen Verfassung, den ganzen Verhältnissen, man sollte diesen verelendeten Menschen mehr Verständnis entgegenbringen, als heute, und den Äußerungen des Unwillens und der Verzweiflung nich sofort mit Nervosität oder gar mit Brutalität entgegentreten. Wir haben Freiwaldau erlebt. Man soll uns nicht mit dem Einwand kommen, daß es sich hier um eine kommunistische Mache gehandelt hat. Gewiß, die Kommunisten suchen die Massen aufzupeitschen, aber das tun sie zu allen Zeiten; es möge die Gesellschaft dafür sorgen, daß die Menschen menschlich leben können, dann werden alle Versuche, diese Menschen parteipolitisch oder sonst irgendwie zu mißbrauchen, scheitern und wirkungslos bleiben. (Sen. Mikulíèek: V¾dy» 20.000 úèastníkù na pohøbu neudìlalo nic, kdy¾ èetníci neprovokovali! Nerozbilo se ani jedno okno!)

Meine Herren! Wir haben allen Anlaß, mit schlimmen Befürchtungen den weiteren Monaten des Hungerwinters entgegenzugehen. Demgegenüber gibt es Parteien, welche diesem Hungerwinter große Hoffnungen entgegenbringen, da sie hoffen, daß in der Auswirkung des Massenelends sich sehr bald eine Steigerung ihrer politischen Geschäfte bemerkbar machen wird, daß sie uns, den Sozialdemokraten und überhaupt den sozialistischen Parteien, bald auf das Leichenbegängnis werden gehen können, und sie freuen sich auf ein ausgiebiges Leichenmahl. Nur nebenbei möchte ich die Christlichsozialen erwähnen. Sie stürzen sich auf uns. Sie machen uns für alles verantwortlich und sagen: Sehet, auch die Sozialisten können nicht alles durchsetzen! Aber, meine Herren, das haben wir noch nie behauptet, daß wir alles durchsetzen können. Gewiß, wir können nicht alles durchsetzen, das haben wir uns nie eingebildet, aber ein Unterschied und ein, sehr großer besteht doch: Wir setzen nicht alles durch, aber die Christlichsozialen haben nichts durchgesetzt, nur Verschlechterungen, und sie haben das Gute nicht einmal angestrebt und das ist schon ein Unterschied, der solche Kritiker zum Verstummen bringen sollte. Ich glaube, daß ich derartige Kritiker weiter ignorieren kann.

Meine Damen und Herren! Nein, Wunder haben wir nicht versprochen und Wunder kann man von uns auch nicht erwarten, denn wir sind keine Zauberkünstler. Es gibt aber andere, die dies behaupten und unter ihnen befinden sich die Kommunisten. Die Kommunisten befinden sich unter denjenigen, die auf unsere heutigen Verhältnisse große Hoffnungen setzen und mit einer verstärkten Agitation eingesetzt haben. Wir pflegen sonst hier nicht zu polemisieren, wir haben von dieser Tribune noch sehr wenig gegen die Kommunisten gesprochen, wir haben sie reden und schimpfen und schreien lassen. Nun haben aber die Kommunisten ihre gesteigerte Tätigkeit des Anklagens und des Schimpfens auch hier in den Saal hineingetragen und sie benützen jede Gelegenheit, um uns in einer wenig anständigen Weise anzugreifen und zu beschimpfen. Das erfordert denn doch, daß man einige Worte darüber spricht. Was glauben denn die Herren Kommunisten damit zu erreichen? Der einzige Effekt, den sie damit erzielen, ist, daß sie Freude auf den Bänken der bürgerlichen Parteien hervorrufen. Die Kommunisten behaupten immer, daß sie die Todfeinde des Kapitalismus, die geschworenen Feinde der Bourgeoisie sind, und daß diese Bourgeoisie sie über alles fürchtet. Meine Herren, bilden Sie sich doch das nicht ein! Wer gehaßt, wer gefürchtet wird und wer der Bourgeoisie im Wege steht, das sind wir, wir in erster Linie. Ich kann Ihnen sagen, daß die bürgerlichen Parteien jede Stärkung der kommunistischen Front mit Freude begrüßen würden, daß sie es schon deshalb begrüßen würden, wenn die kommunistische Partei auf unsere Kosten gestärkt würde, um uns in der Regierung los zu werden und um unseren Einfluß zu brechen. Angst hat die Bourgeoisie vor Ihnen längst nicht mehr! Sie sind heute nur mehr der Sturmbock der Bourgeoisie, und wenn Sie hier losfahren und uns beschimpfen, nützen Sie wahrhaftig nicht den Arbeitern, nicht einmal sich selbst. Sie rufen damit nur das Entzücken der bürgerlichen Parteien hervor. Was wollen Sie denn, eigentlich von uns? Sie klagen uns des Verrates an, weil wir in der Regierung sind. Es kann dahin kommen, vielleicht früher, als Sie es ahnen, daß wir wieder aus der Regierung herausgehen. Es ist aber auch sehr fraglich, ob es dann Ihnen und ob es dann der Arbeiterschaft behaglicher zumute sein wird, als heute. Nein, meine Herren Kommunisten, ich erflehe von Ihnen keine Schonung, das liegt mir ferne, ich weiß, die Angriffe gegen uns, sind Ihnen anbefohlen und Sie müssen diesem Kommando Rechnung tragen. (Sen. Pilz: Das glauben Sie selber nicht! - Výkøiky. - Hluk.)

Místopøedseda Votruba (zvoní): Prosil bych, aby pan øeèník nebyl vyru¹ován!

Sen. Niessner (pokraèuje): Aber das sage ich Ihnen. Schämen Sie sich wenigstens ein wenig dieses Treibens, schämen Sie sich ein wenig dafür, daß Sie hier vor den Vertretern der bürgerlichen Parteien das Schauspiel des proletarischen Bruderkampfes zeigen! (Výkøiky sen. Reyzla.)

Es gibt noch eine andere Partei, welche gleichfalls die allergrößten Hoffnungen und Erwartungen hegt, daß die Wirtschaftskatastrophe, die Verelendung großer Massen, die Erschütterung der Existenz großer Teile der Bevölkerung ihr dienlich sein wird, daß sie imstande sein wird, bei diesen Verhältnissen im Trüben zu fischen. Das ist die Filiale der Hitlerschen Prinzenpartei. (Výkøiky sen. Reyzla a Pilze. Hluk.) Diese Partei hat in der Erwartung der großen Geschäfte, die sie zu machen hofft, die Durchführung eines 5-Monateplanes im Auge und sie veranstaltet einen großen Ausverkauf in Grundsätzen, in Prinzipien und in Versprechungen. Alles wird versprochen und jedem wird versprochen: Brot, Arbeit, Selbstverwaltung, bessere Demokratie, Diktatur, was man haben will, alles ist in diesem Warenlager enthalten. Das Programm der nationalsozialistischen Partei ist nicht greifbar, wir sehen vor uns immer nur eine Reihe von Phrasen und Verheißungen, das schillert in allen Farben, manches davon sieht sogar wie Sozialismus aus. Betrachtet man aber das Ganze, so findet man, es ist nur der Sozialismus des dummen Kerls. Die Filiale der Hitlerpartei bei uns spekuliert auf die Verwirrung, die durch die Verhältnisse hervorgerungen wird. Nun, ich kann sagen, daß sie sich hier wohl einer schweren Täuschung hingeben. Es kann schon sein, daß uns eine Anzahl Nachläufer vorübergehend abgejagt wird, es kann auch sein, daß sie den bürgerlichen Parteien - von denen manche, wie z. B. die deutsche Nationalpartei, nahezu einen Selbstmord begeht und freiwillig eine Liquidation durchführt - daß sie also den bürgerlichen Parteien ihre irregewordenen Anhänger abfangen, unsere Kadres werden sie nicht erschüttern und der faule Zauber, den die Nationalsozialisten da errichten und mit dem sie die Massen locken, für den sie sogar durch 5 Monate eine gesteigerte Aktion und Agitation einführen wollen, dieser ganze faule Zauber wird zerfallen. Eine Partei, die sich auf solche Dinge aufbaut, wie die nationalsozialistische, die kann vorübergehend Erfolge erringen, aber das Errungene ist ungesund, ist faul, ist morsch und muß bei der nächsten besten Gelegenheit, ja bei jedem stärkeren Wind in Nichts zerfallen. (Sen. dr Heller: Da hilft auch nicht die Pilgerfahrt nach München!) Ich will durchaus nicht eine Polemik gegen die nationalsozialistische Partei führen, ich will nur eines fragen: Was soll die Hetze der Nationalsozialisten gegen die Demokratie? Es wäre überhaupt gut, wenn sich die nationalsozialistische Partei einmal erklären würde, wem sie anhängen, ob Hitler oder der Demokratie. Beides kann man doch nicht zu gleicher Zeit; man kann doch nicht Verehrer und Anbeter der Diktatur oder des angeblich kommenden Diktators von Deutschland sein und andererseits hier im Lande sich demokratisch geberden und Forderungen wie Selbstverwaltung und Gerechtigkeit stellen. Nein, meine Herren, mit dieser Hetze gegen die Demokratie, mit dieser Herabwürdigung der Demokratie stiften Sie nur Schaden, schaden Sie sich selbst. Und wenn in den letzten Tagen die Herren Karg, Kasper und Krebs nach München zum Parteipapst, zum Dalailama gepilgert sind, um sich dort Ratschläge zu holen, so sage ich Ihnen: Wenn Sie pilgern konnten, so konnten Sie nur pilgern, weil wir eine Demokratie haben. Wenn wir keine Demokratie hätten, würden sich die Herren Krebs und Karg und Kasper hüten, von München, mit den Ratschlägen des Herrn Hitler beladen, in die Republik zurückzukommen. (Sen. Köhler: Wir haben eine andere Ansicht über Demokratie! Wir kennen die hiesige Demokratie!) Ich kann mir keine Vorstellung davon machen, wie man gleichzeitig die Diktatur verehren und Demokrat sein kann. Da muß man ungefähr der chinesische Zauberer Kingfu sein, ein normaler Mensch kann das nicht.